Premier League Offside: Folge 28

Carsten Germann

Autor: Carsten Germann
Veröffentlicht: 22.03.2022

Veröffentlicht in Premier League Offside, Fussball Derbys

Ajax Amsterdam gegen Feyenoord – So viel Holland-Klassiker steckt in der Premier League

Die Fußballreise in die Niederlande geht vor allem über „De Klassieker“, Ajax Amsterdam gegen Feyenoord Rotterdam. Die Partie, die am 20. März 2022 in der Johan-Cruyff-Arena in Amsterdam mit 3:2 (1:2) endete, ist nicht nur ein Fußball-Festtag in den Niederlanden. Sie stellt auch einen Pflichttermin für die Scouts aus der Premier League dar. Stars der beiden größten Holland-Rivalen prägten die englische Fußball-Eliteliga.

Ein Spieler, der die Dramaturgie beim 3:2-Erfolg für Ajax beeinflusste, hat – wie auch Daley Blind und Davy Klaassen – bei den Amsterdamern die Premier League schon hinter sich. Sébastien Haller (27), im Januar 2021 von West Ham United zum Ajax FC gekommen, erzielte das zwischenzeitliche 1:1.

Sebastian Haller 20 Mar 22 Ajax v Feyenoord

Ex-Frankfurt-Profi Sébastien Haller trifft am 20. März 2022 zum 1:1 für Ajax Amsterdam gegen Feyenoord Rotterdam (Endstand 3:2). Foto: box to box pictures / Alamy Stock Foto

Wir schauen vor allem auf die Spieler, die den umgekehrten Weg gingen. Und stellen fest: Eine größere Ehre konnte Dennis Bergkamp (52) kaum zukommen. „The Non-flying Dutchman“, der wegen seiner Flugangst „nicht fliegender Holländer“ genannte Stürmer aus Amsterdam, durfte am 22. Juli 2006 mit seinem Abschiedsspiel das neue Emirates Stadium des FC Arsenal in London praktisch eröffnen.

Arsenal: Ein Denkmal für den „nicht fliegenden“ Holländer

An die emotionalen Bilder aus diesem Spiel – wenige Wochen nach den wunderbaren WM-Tagen – erinnere ich mich gut, war doch in London an diesem heißen Juli-Tag alles zu Gast, was Rang und Namen hatte: Frank Rijkaard, Weltmeister Emmanuel Petit, David Seaman oder Marc Overmars, der Bergkamp 1997 von Ajax zu Arsenal gefolgt war. Nach 71 Minuten liefen beim Ajax-Traditionsteam sogar die Fußball-Legenden Johan Cruyff († 2016) und Marco van Basten auf. „There’s only one Dennis Bergkamp“ (Melodie: „Winter Wonderland“), schallte es durch das neue Stadion. 87 Liga-Tore erzielte Bergkamp für Arsenal, führte den Klub zu drei Premier-League-Meistertiteln und drei FA Cups, gehörte 2003/2004 zu den fabulösen „Invincibles“, die ungeschlagen englischer Meister wurden.

Arsenal- und Ajax-Legende Dennis Bergkamp als Bronzestatue

Arsenal- und Ajax-Legende Dennis Bergkamp als Bronzestatue vor dem Emirates Stadium von Arsenal in London. Foto: Shutterstock

Dennis Nicolaas Maria Bergkamp hat wie kein anderer seiner Landsleute Spuren in der Premier League hinterlassen. 2014 enthüllte der Londoner Verein vor dem Stadion eine Bergkamp-Bronzestatue, die den Moment unmittelbar vor seinem legendären Tor im Viertelfinale gegen Argentinien (2:1) bei der WM 1998 in Marseille zeigt. „Du siehst das Stadion, die Statue und die Fans und du realisierst, wie viele gute Jahre du hier hattest“, sagte der Geehrte tief bewegt.

Es war eine Episode, die die hohe Wertschätzung niederländischer Profis in England zeigt. Dass Bergkamp, der aus der Ajax-Akademie kam, über die Zwischenstation Inter Mailand in London landete – geschenkt! Sein Wechsel in die Premier League 1995 war logisch und eine Bereicherung für diese Liga.

Zwei Feyenoord-Stars schrieben mit Liverpool Geschichte

Das gilt für Spieler beider Klubs. Feyenoords Rekord-Abgang mit einer Ablösesumme von 18 Mio. Euro ist bis heute Dirk Kuyt, der 2006 zum FC Liverpool wechselte. Der Angreifer, der mit seinem Scherenschlag-Tor gegen Wigan Athletic (3:2) im Oktober 2008 in England zum „fliegenden Holländer“ wurde, war nach diesem denkwürdigen Spiel in Anfield und nochmals 2018 mein Interviewpartner – ein Profi, wie er sein soll.

Feyenoord Spieler Dirk Kuyt im Derby gegen Ajax im De Kuip Stadion 2015

Bei Feyenoord Rotterdam ein absoluter Fan-Liebling: Ex-Liverpool-Profi Dirk Kuyt hier im Derby gegen Ajax im De Kuip Stadion 2015. Foto: Shutterstock 

Kuyt und der Ivorer Salomon Kalou, dessen Dienste sich der FC Chelsea 2006 sicherte, schossen 2005 übrigens zum letzten Mal vor dem „Klassieker“ am 20. März 2022 zwei Tore für Feyenoord in Amsterdam. So vergeht die Zeit…

Nur ein ausländischer Premier-League-Profi traf häufiger als „RvP“

Unter Feyenoords Top-20-Abgängen finden sich einige Spieler, die bis heute zum „Who is Who“ in der Premier League gehören.

2002 mit den Rotterdamern im Finale im heimischen „De Kuip“ gegen Borussia Dortmund UEFA-Cup-Sieger, war die Zeit bei Feyenoord für Robin van Persie 2004 vorbei. Der erst 20 Jahre alte, heiß umworbene Mittelstürmer wechselte für aus heutiger Sicht lächerliche 4,5 Mio. Euro zu Arsenal London und Arsene Wenger. Wie sein nicht minder berühmter Nationalmannschafts-Kollege Dennis Bergkamp wurde auch „RvP“ in England zur Legende. Für die „Gunners“ und ab 2012 für Manchester United gelangen ihm in 280 Premier-League-Partien 144 Tore. Nur der Argentinier Sergio Agüero war in Diensten von Manchester City als ausländischer Spieler noch erfolgreicher (184 Treffer). Heute ist van Persie Jugendtrainer bei Feyenoord.

Die Feyenoord-Parade der Premier-League-Stars wäre nicht komplett ohne Jerzy Dudek. 2001 holte Liverpool den polnischen Torhüter aus Rotterdam an die Merseyside – und Dudek wurde im Champions-League-Finale am 25. Mai 2005 gegen den AC Milan (3:3 n. V., 3:2 n. E.) zum Helden, als er im Elfer-Krimi von Istanbul die Schüsse der Mailänder Andrea Pirlo und Andrij Schewtschenko abwehrte. Seine Bewegungen auf der Torlinie wurden als „Du the Dudek“ zum Kult.

Ajax-Erfolgself 2019: Donny blieb noch ein Jahr…

Ajax gegen Feyenoord – der Spieler, der die höchste Ablöse bei einem Wechsel nach England einspielte, war 2017 Davinson Sánchez. Der Innenverteidiger aus Kolumbien kostete Tottenham Hotspur 42 Millionen Euro, damit war er bis 2019 teuerster Ajax-Abgang aller Zeiten. Die „Spurs“ nahmen von Ajax Amsterdam auch den dänischen Fußball-König Christian Eriksen (2013, 14,1 Mio. Euro) und den Belgier Jan Vertonghen (2012 / 12,5 Mio. Ablöse) unter Vertrag.

„Donny, nog een Jaar“, so skandierten die Ajax-Anhänger in der Amsterdamer Arena im Sommer 2019, wenn Donny van de Beek (aktuell auf Leihbasis in Everton) im Spiel war. Ich habe das damals in den Niederlanden miterlebt. Dieses Werben um den eigenen Star war imponierend. Viele Fans und auch die Zeitungskommentatoren waren der Meinung, dass es schön wäre, wenn van de Beek noch ein Jahr bliebe, dass man aber auch bei einem Abschied keinerlei Groll hege. In Deutschland wirst du als Profi ja in vergleichbaren Fällen schnell zum „Judas“ oder „Verräter“ abgestempelt…

Nicht so in Holland! Der Taktgeber der Ajax-Mannschaft, die 2019 episch (1:0 und 2:3) im Champions-League-Halbfinale an Tottenham scheiterte, sollte tatsächlich noch eine Saison in Holland bleiben. Im September 2020 war es dann soweit, 39 Millionen Euro brachte van de Beeks Wechsel zu Manchester United ein. 40 Millionen Euro kamen mit dem zeitgleichen Transfer von Hakim Ziyech zum FC Chelsea in die Ajax-Vereinskasse. So geht Transfermarkt heute.

Suárez, der Skandal-Export

Diese Reihe verlangt aber auch nach ihm: Luís Suárez („Das Böse an sich“). Der Uruguayer, über die niederländische Talentschmiede FC Groningen 2007 zu Ajax Amsterdam gekommen, wechselte 2010 zum FC Liverpool. Die 26,5 Millionen Euro Ablöse zahlte er den „Reds“ zwar mit 82 Toren in 133 Pflichtspielen zurück, doch Suárez leistete sich in Anfield auch unfassbare Aussetzer. Unter anderem biss er 2013 in Diensten des LFC seinen Gegenspieler Branislav Ivanovic vom FC Chelsea…

Luis Suárez Fußballgenie mit "Macken"

Luis Suárez Fußballgenie mit "Macken" hier im Dress des FC Liverpool. Foto: Shutterstock

Ajax-Idol Ibrahimovic: Die Premier League kam zu ihm…

Dann wäre da noch der Mann, der nicht in die Premier League kam. Nein. Die Premier League kam zu ihm: Zlatan Ibrahimovic (40). Nach Stationen in allen europäischen Top-Ligen außer der Bundesliga (Serie A, La Liga, Ligue 1) zog es den schwedischen Exzentriker, der Ajax Amsterdam 2004 in Richtung Juventus Turin verlassen hatte, doch noch nach England. 2016 heuerte Zlatan bei Manchester United an.

Seine Bilanz in den Jahren 2001 bis 2004 im „Klassieker“? Drei Tore in sechs Spielen gegen Feyenoord. Das ist zlatanisch… ähm… dem Großmeister angemessen.

 

Carsten GermannDer Autor: Carsten Germann berichtet seit 2002 aus erster Hand über den englischen Fußball, u. a. für DIE WELT, BILD am SONNTAG und seit April 2021 auch als leitender Redakteur beim Portal Fussballdaten.de. Zudem gab er mit den Büchern Football’s home (2007) und Absolute Dynamite! (2010) zwei Sammelbände mit seinen Fußball-Reiseerlebnissen aus Großbritannien heraus. Für DIE FUSSBALLREISE schreibt er regelmäßig über den Insel-Kick.