Premier League Offside – Folge 1:

Carsten Germann

Autor: Carsten Germann
Veröffentlicht: 18.12.2019

Die Premier League lebt

Die Premier League lebt – dank ihrer „Typen“ Klopp, Pep und Vardy!


Willkommen, liebe Leser! Was bitte ist das für eine attraktive Champions-League-Auslosung? Der FC Chelsea gegen den FC Bayern München und RB Leipzig gegen Tottenham Hotspur – zwei deutsch-englische Duelle werden ab dem 19. Februar 2020 die Fans elektrisieren.

Die Premier League lebt – und sie wird wie im Vorjahr mit drei Duellen gegen Bundesliga-Klubs, die allesamt gewonnen gingen, ihre herausragende Position in Europas Top-Ligen unterstreichen. Dafür wird schon allein José Mourinho sorgen. „The Special One“, wie sich der Portugiese fernab jeglicher Bescheidenheit selbst nennt, hat die „Spurs“ rechtzeitig vor den Weihnachts-Festspielwochen wieder in die Spur geführt. Aber: Mourinho wäre nicht Mourinho, wenn er sich nicht auch bei Tottenham Hotspur einen persönlichen Lieblingsfeind im Team gemacht hätte. Der Däne Christian Eriksen, neben Harry Kane ein absoluter Schlüsselspieler bei den Londonern, hat bereits angekündigt, den Klub zu verlassen, so Mourinho Trainer bleibt. Der Abschied könnte schon im Januar-Transferfenster vollzogen werden und wäre natürlich sportlich wie menschlich ein herber Verlust für die „Spurs“. Der Däne gilt als integer und frei von Star-Allüren, was man von seinem neuen Coach nicht behaupten kann. Wobei ich aus eigener Erfahrung nach einer Begegnung mit Mourinho in Leipzig sagen kann: Den theatralischen „Special One“ gibt er nur vor der Kamera, aber erzählen Sie es bitte nicht weiter, sonst ist er beleidigt…

Der Gegenspieler zum „Special One“ ist „The Normal One“, Jürgen Klopp. „Kaiser from the Kop“, „King Klopp“ – Was haben sie ihm beim FC Liverpool nicht alles für Ehrentitel gegeben! Der Künstler Akse hat Klopp sogar als Gemälde auf einer Hauswand im Liverpooler Baltic Distrikt, an der Ecke Jordan Street / Jamaica Street verewigt. Das alles zeigt die hohe Wertschätzung gegenüber dem deutschen Trainer. Ein Riesen-Kredit – und Klopp hat die Anhänger der „Reds“ nicht enttäuscht. Er hat 2019 die Champions League gewonnen und die Meisterschaft in der Premier League nur knapp verpasst. Dass er und möglicherweise nur er in der Lage ist, den 2020 im 30. Jahr kursierenden Meisterschaftsfluch des FC Liverpool zu beenden, ist ein Gedanke, der sich aufdrängt. Klopp hat das Team zwar im Sommer nicht mit kapriziösen Transfers aufgerüstet, sondern er hat mit dem Personal, das ihm und dem LFC im letzten Jahr die Champions League brachte, die Spitzenposition in der Premier League zementiert. Dass Liverpool an Profil gewonnen hat, zeigt schon allein die Wahl von Abwehrchef Virgil van Dijk auf Rang zwei beim Ballon d‘ Or 2019.

Vorsicht vor dem Jahreswechsel, FC Liverpool!

10 Punkte liegen Klopp und Co. jetzt schon vor Leicester City und der Showdown beim Verfolger und Ex-Meister am 2. Weihnachtsfeiertag könnte schon eine frühe Vorentscheidung bringen. Liverpool dann also durch in Richtung Meisterschaft? Klares „Ja“, wenn da nicht Schwierigkeiten wären, die Liverpool rund um das Jahresende fast traditionell hat und die 2014 und 2018 den möglichen Titel gekostet haben. Vor exakt 6 Jahren grüßten der FC Liverpool und Brendan Rodgers ebenfalls vor dem Jahreswechsel von der Tabellenspitze. 36 Punkte hatte Liverpool bis dahin aus 17 Spielen geholt. Nach zwei Niederlagen bei Manchester City und beim FC Chelsea (1:2) brach die heile Liverpooler Weihnachts-Welt schnell zusammen. Zum 1. Januar 2014 stürzte der LFC auf Rang 4 der Premier League. Sieben Punkte Vorsprung vor Manchester City reichten auch im Vorjahr nicht aus, um die Fans endlich happy zu machen. Die einzige Niederlage der vergangenen Saison, 1:2 bei Manchester City, und zwei Remis gegen Leicester und bei West Ham United (1:1) amortisierten den Vorsprung schon Anfang Februar und Anfang März übernahm City die Tabellenführung.

Pep schreibt den Titel ab – aber nur vor den Journalisten…

„Es ist noch zu früh, um City wieder in den Titelkampf zu rechnen“, sagt der ehemalige Liverpool-Profi Erik Meijer am 15. Dezember 2019 bei Sky – und er hat damit vollkommen Recht. Die Mannschaft von Trainer Pep Guardiola, vor der Saison für 168 Mio. Euro verstärkt, leistet sich nach zwei souveränen Meister-Jahren zu viele Patzer. 14 Punkte Rückstand resultieren u. a. aus den schwachen Auftritten der „Citizens“ im Manchester-Derby gegen United (1:2) oder gegen Wolverhampton Wanderers (0:2). Dennoch: Was die „Sky Blues“ imstande sind, zu leisten, haben sie beim souveränst herausgespielten 3:0-Erfolg Mitte Dezember beim FC Arsenal gezeigt. Wenn Pep Guardiola sagt, dass „das Titelrennen beendet“ ist, dann will er den großen Gegner Klopp nur in Sicherheit wähnen. Mit City wird man trotz des hohen Rückstandes ab dem Jahreswechsel rechnen müssen, zumal durch Liverpools Abwesenheit bei der sportlich wirklich sinnigen FIFA-Klub-WM noch einmal Boden gut gemacht werden kann.

Arsenal spielt das Emirates leer

Die größte Enttäuschung der bisherigen PL-Saison ist der FC Arsenal. Die stolzen „Gunners“ sind nur noch ein Schatten ihrer selbst und wenn man ihre Darbietungen in den Spielen gegen Eintracht Frankfurt (1:2 / Europa League), gegen Manchester City (0:3) oder Brighton & Hove Albion (1:2) in der Premier League so verfolgt, dann wird man den Eindruck nicht los, dass es darum geht, das Emirates Stadium leer zu spielen. Die Fans im Londoner Norden erleben die schlechtesten „Gunners“ seit 1977 – und das hat Gründe. Ein schlecht zusammengestellter Kader, lustlose Profis und eine nach wie vor offene Trainer-Frage. Freddie Ljungberg konnte als Ex-Profi mit Stallgeruch nicht den Beweis erbringen, Arsenal auch als Trainer zu führen.
Ganz anders „Lamps“! Frank Lampard, Klubidol und Rekord-Torschütze des FC Chelsea (211 Treffer) hat den blauen Riesen von der Stamford Bridge nach einigen, nicht ganz so langfristigen Trainer-Personalien als Coach wiederbelebt. Die von der UEFA aufgehobene Transfer-Sperre lässt Lampard im Winter die Option, das Team, das auf Rang vier eine hervorragende Saison spielt, noch einmal zu verstärken.

Dank Vardy: Leicester feiert wieder Partys in der Premier League!

Die größte Überraschung ist jedoch Leicester City. Der Tabellenzweite darf von einem ähnlichen Coup wie 2016 träumen. Damals zog das Meister-Märchen von Leicester City die ganze Fußball-Welt in ihren Bann. Ein Außenseiter, der es den milliardenschweren „Big Four“ in der Premier League zeigt – der Stoff, aus dem die Träume sind. Allerdings: Bei aller Freude um das Husarenstück, gab Leicester damals auch 50 Mio. Euro für Neuzugänge aus. Jetzt könnte man nachrechnen, welcher Bundesliga-Verein – außer Bayern und Dortmund – so viel Geld für neue Spieler in die Hand nehmen könnte…
Im fünften Frühling befindet sich der Mann, der 2016 das „Wunder“ mit 24 Toren in 36 Spielen erst möglich machte: Jamie Vardy. Der Stürmer, dessen Karriere nach einigen Eskapaden, Exzessen und Strafmandaten, unter anderem durfte Vardy nur mit elektronischer Fußfessel und in Begleitung eines Justizvollzugsbeamten zum Training, zu Ende schien, ist mit 32 immer noch die Tor-Garantie für die „Foxes“. Vardys Bilanz in der aktuellen Saison ist formidabel. In 17 Spielen traf der ehemalige englische Nationalspieler bereits 16-mal. Aufgeblüht nach seinem Wechsel von der AS Monaco: Youri Tielemans. Der hoch talentierte belgische Mittelfeldspieler hat sich in Leicester als Torschütze und Vorbereiter positioniert. Gut so!
Die Premier League lebt von solchen Spielertypen und sie lebt von der Spannung. Keine andere der fünf Top-Ligen Europas – Bundesliga, La Liga, Ligue 1, Serie A und Premier League – stellte seit 2016 mehr Klubs als Meister als das englische Fußball-Oberhaus.

Der Autor: Carsten Germann berichtet seit 2002 aus erster Hand über den englischen Fußball, u. a. für DIE WELT, BILD am SONNTAG und seit 2018 als leitender Redakteur bei Ligalive.net. Zudem gab er mit den Büchern Football’s home (2007) und Absolute Dynamite! (2010) zwei Sammelbände mit seinen Fußball-Reiseerlebnissen aus Großbritannien heraus. Für DIE FUSSBALLREISE schreibt er regelmäßig über den Insel-Kick.

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Jörn Lutter
erstellt am
Lieber Carsten,

vielen Dank für deinen ersten Blog eintrag. Wir freuen uns über viele weitere Beiträge von Dir zum Thema Premier League und drumherum.

Liebe Grüße,
Jörn

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