Am 24. April 2026 stieg in der Mammut Liga, der englischen Championship, ein merkwürdiges Duell. Leicester City, der in der Woche zuvor abgestiegene Sensations-Meister der Premier League von 2016, gegen den Aufstiegs-Aspiranten FC Millwall (1:1). Der Verein, der etwas schaffte, was es in der Premier League vielleicht nie wieder geben wird trat am 45. Spieltag gegen ein Team an, das nach 1992 noch nie in der englischen Eliteklasse spielte. Und das seinen Traum am Leben erhielt.
„The Foxes“ gegen „The Lions“, Leicester City gegen den FC Millwall 1:1 (0:0), zwei Tore in der Schlussphase ab der 78. Minute.
Aber weder bei den bereits abgestiegenen Gastgebern noch bei den Londonern wollte wirklich Jubel aufkommen.
Bei einem Spiel weniger ist der FC Millwall einen Spieltag vor Ende der Mammut-Liga, der englischen Championship, zwar punktgleich mit dem zweiten, direkten Aufstiegsaspiranten, Ipswich Town, doch die „Tractor Boys“ haben auch das bessere Torverhältnis (plus 30 vs. plus 13).
Millwall hätte bei dem Club, der vor zehn Jahren die ganze Fußball-Welt verzauberte und nun in die dritte englische Liga (Football League One) abgestiegen ist, den zwölften Auswärtssieg der Saison gebraucht.
„Die Premier League verändert Leben“
Mit dem Remis bleibt vor dem Saisonfinale am 2. Mai 2026 gegen Oxford United die Rest-Hoffnung auf den direkten Aufstieg in die Premier League.
Bestes Auswärtsteam der Championship ist Millwall so oder so. 41 Auswärtspunkte und elf Siege bedeuten die beste Bilanz in fremden Stadien für den FC Millwall seit Einführung der Drei-Punkte-Regel und gemeinsam mit der Saison 2000/2001.
Die Ausgangslage: Das Team von Trainer Alex Neil liegt mit 80 Punkten (!) gleichauf mit Ipswich Town.
Bereits als Aufsteiger und Championship-Meister steht die Mannschaft von England-Idol Frank „Lamps“ Lampard fest, Coventry City.
Coventry spielt erstmals seit 25 Jahren wieder in der Premier League. Und wenn, wie der Sky Sports UK Kollege, der beim Aufstieg (1:1 bei den Blackburn Rovers) so emotional kommentierte, sagt, dass „die Premier League Leben verändert“, dann gilt das auch für den FC Millwall.
Bei den „Löwen“ war es auch nicht gerade gestern, als man das letzte Mal in den Playoff-Spielen stand – das war vor 24 Jahren.
Der FC Millwall und Kapitän Jake Cooper sind in der englischen Championship auch frisurenmäßig ganz weit vorn... Foto: Imago Images / Zachary Locke
Wann stand Millwall zuletzt in den Playoffs zur Premier League?
Damals führte ein alter HSV-Bekannter den in ganz England aufgrund seiner berühmt-berüchtigten Hooligan-Firm „Bushwackers“ („No one likes us, we don’t care!“) unbeliebten Club: Mark McGhee.
Der Schotte, damals vom FC Aberdeen nach Hamburg transferiert, erinnerte sich bei Sky Sports UK: „Vom Teamgeist her und von den Freundschaften der Spieler her, ist die Saison 2001/2002 mit heute vergleichbar. Die Millwall-Profis kämpfen füreinander und sie unterstützen sich gegenseitig.“
Und sie sind mitunter herrlich unbekümmert. Auch, wenn es um die etwas eigenwillige Frisur von Kapitän Jake Cooper geht. „Es gab Witze über seinen Vokuhila-Schnitt“, verriet Mittelfeldspieler Massimo Luongo, „aber das zeigt, wie entspannt die Stimmung in der Kabine ist.“
Genau diese Lockerheit kann die Premier League brauchen.
Der FC Millwall – hier spielten Edward „Teddy“ Sheringham, der Ire Tony Cascarino, Tim Cahill und auch ein gewisser Harry Kane.
2012 hatte Tottenham Hotspur den heutigen Superstar des FC Bayern und Kapitän der englischen Nationalmannschaft auf Leihbasis in den Londoner Südosten abgegeben. Kane netzte sieben Mal in 22 Spielen.
Das aber nur nebenbei. Heute hat Millwall einen anderen Knipser – und das ist der serbische Stürmer Mihailo Ivanovic, der in 43 Spielen neun Mal traf.
Gleichauf ist Femi Azeez, dem 34 Einsätze für diese Tor-Anzahl reichten. Stärker aufgestellt ist Millwall in der Abwehr: 17-mal hielt man in 45 Spielen die Null. Auswärts gab es nur 24 Gegentore in 23 Spielen.
Zehn Jahre nach Leicester: Schreibt nun Millwall das englische Fußballmärchen?
Das Leicester-Märchen ist Vergangenheit – irgendwie schade, denn so ein Husarenstück wird es in der durchgestylten Premier League so schnell wohl nicht mehr geben.
Aber wo steht denn geschrieben, dass der FC Millwall zehn Jahre später keine neue Außenseiterstory schreiben kann? Mit vergleichsweise kleinem Budget und laut Transfermarkt.de mit dem nur elftbesten Kader-Wert der Championship (82,8 Millionen Euro) ist der Millwall Football Club schon jetzt die Sensation in der zweiten englischen Liga.
Nach Platz sieben in der Vorrunde klopft man nun ans Tor zur Premier League an, ob als direkter Aufsteiger oder über die Playoff-Runde.
Kaum Premier-League-Erfahrung – Aber was heißt das schon?
Warum ist Millwall ein krasser Außenseiter? Millwalls Spieler kommen zusammen auf eine Premier-League-Erfahrung von nur 228 Spielen. Nur zum Vergleich: Die Profis der abgestiegenen „Foxes“ aus Leicester brachten es auf 1.770 Einsätze in der englischen Eliteliga.
„Meine Spieler“, bilanzierte Millwall-Coach Alex Neil bei BBC Sport nach dem Spiel in Leicester, „haben es als Gruppe großartig gemacht und die Ergebnisse der noch ausstehenden Spiele werden zeigen, wie wertvoll dieser Punkt war.“
Immer wieder hat Neil seinen Spielern im Verlauf der Saison mit auf den Weg gegeben, diese einmalige Gelegenheit „zu umarmen, zu genießen und nicht vorbeiziehen zu lassen.“
„Millwall ist ein heißes Pflaster“, das gilt im englischen Fußball seit jeher. Warum nicht auch jetzt? Die Playoff-Spiele zur Premier League, die ihre ganz eigene Dynamik und Magie haben, sind für Millwall längst sicher und mit den Fans im Stadion „The New Den“ im Rücken ist alles möglich.
Auch die erste Saison in der Premier League. Good luck!