Premier League Offside – Folge 19:

Carsten Germann

Autor: Carsten Germann
Veröffentlicht: 21.07.2021

Veröffentlicht in Premier League Offside

FC Watford ist zurück: Elton John & ein Kult-Keeper aus Österreich

Die Premier League startet am 14. August 2021 in ihre 29. Saison. Der FC Watford ist nach einem Jahr Abstinenz wieder am Start. Ein Klub mit einem herrlich-schrägen Edelfan und einem High Flyer unter den Torhütern. Eine Fußballreise nach London mit Etappenziel Vicarage Road lohnt sich.

32 Kilometer von London entfernt liegt die 79.000-Einwohnerstadt Watford. Der FC Watford schlummerte hier bis 1976 den Schlaf der Gerechten. Erst mit der Ankunft eines gewissen Reginald Kenneth Dwight, besser bekannt als Elton John, noch korrekter bekannt als Sir Elton Hercules John, änderten sich die Dinge in Watford grundlegend.

Mit dem „Rocket Man“ ging es für die „Hornets“ (Dt.: Hornissen) steil nach oben. Ein Fußballmärchen Marke Nottingham Forest, das in den frühen 1980er-Jahren sogar Europas Gipfel erklomm. Ebenfalls mit beinahe unschlagbarem Kult-Charakter in den Achtzigern: Die „Crazy Gang“ des FC Wimbledon, die 1988 im FA Cup-Finale den FC Liverpool bezwingen konnte. Der FC Watford ist dank des finanziellen Engagements des Popsängers aus Middlesex zum Mythos geworden.

Schräge Typen, unglaubliche Episoden: Der FC Watford ist eine Fußballreise wert

Aber nicht nur auf der Insel. Fußballfans aus der Pfalz denken bis heute wehmütig an den Klub. Denn: Der FC Watford machte nur zwei Europacupspiele gegen ein deutsches Team. Und das war der 1. FC Kaiserslautern. Die „Roten Teufel“ empfingen den Europacup-Debütanten aus England im UEFA-Cup 1983/84. Als der FC Watford am 20. September 1983 am Betzenberg spielte, richtete sich das Medieninteresse auf der damals noch wesentlich kleineren Pressetribüne beinahe ausschließlich auf Elton John.

Der großzügige Pop-Poet, der den FC Watford von der vierten englischen Liga bis nach Europa geführt hatte, saß mit Strohhut und markanter Brille auf den Rängen. Was er sah, konnte ihm nicht gefallen. Seine „Hornets“ verloren gegen Thomas Allofs, Hans-Peter Briegel, Andreas Brehme und Co. mit 1:3. Im Rückspiel an der Vicarage Road drehten die Engländer den Spieß um: 3:0. Eine Kopfball-Bogenlampe zum 3:0 von Ian Richardson sorgte bei den Fans an der Vicarage Road für die pure Ekstase. Die örtliche Polizei hatte ihnen vor dem Spiel erlaubt, doch ihre Flaggen und Banner mitzubringen. Nun tanzten sie auf den Rängen. Watford war weiter – und Erfolgstrainer Graham Taylor grinste sich eins: „Die meisten meiner Spieler sind noch halbe Kinder. Sie haben ein großartiges Ergebnis erzielt.“

Graham Taylor & Sir Elton John

Vereinslegende Graham Taylor & Sir Elton John  (Honorarfrei / Foto-Rechte: Carsten Germann)

Watford im Europacup: Erst in die Pfalz, dann zu den Kommunisten

Nach der Fußball-Pfalz war Bulgarien das nächste Reiseziel. Also sozusagen die Pfalz unter den Ostblockländern. Levski Spartak Sofia war der Gegner des englischen Newcomers. Begeisterungsstürme löste dieses Los nicht aus. 1:1 und 3:1 nach Verlängerung, ziemlich mühsam alles. Die Lust auf eine Fußballreise wurde bei den Fans wie etwa Wayne Godfrey, in Runde drei nicht größer. „Als junger Kerl hätte ich mir jetzt eine Reise nach Spanien, am liebsten nach Madrid gewünscht“, schrieb Godfrey, „oder vielleicht nach Italien, ein bisschen Sonne tanken. Aber das Los schickte uns wieder zu den Kommunisten, zu Sparta Prag. Na super.“ Es war das letzte Mal, dass Watford mit dem Ford fort fuhr. Einem 3:2 im Heimspiel folgte an einem bitterkalten Dezemberabend 1983 eine 0:4-Niederlage.

WATFORD VE DAY

Magische Europacup-Nacht: Nach gelungener Aufholjagd gegen den 1. FC Kaiserslautern wird der FC Watford an der Vicarage Road stürmisch umjubelt. Foto: Watford Observer (Honorarfrei / Foto-Rechte: Carsten Germann).

Beim englischen Vizemeister von 1983 krachte es schon am Ende der folgenden Saison im Gebälk. Ohne die zu Saisonbeginn abgewanderten Stürmer Luther Blissett und Ross Jenkins wurde man nur Elfter. Der Verein wollte Elton John das geliehene Geld zurückzahlen. Doch der Macher lehnte entrüstet ab. Ein gewisser John „Digger“ Barnes und George Reilly führten Watford mit jeweils vier Toren im FA Cup zum größten nationalen Erfolg. Am 19. Mai 1984 stand der FC Watford im FA Cup-Finale gegen den FC Everton. Der Traum vom Titel erfüllte sich jedoch nicht: 0:2 gegen die „Toffees“ – und Tränen bei Elton John auf der Ehrentribüne von Wembley. Sad Songs say so much.

Ein Weinhändler im Tor

Watfords Episoden-Hitliste wäre nicht komplett ohne Gary Plumley. Der Freizeitfußballer hat sich nach 187 Spielen für Newport County aus dem Profigeschäft zurückgezogen. Inzwischen betrieb er ein Weinlokal. Was soll man in England auch anderes machen? Vor dem FA Cup-Halbfinale am 11. April 1987 rückte Plumley unversehens ins Licht der britischen Fußball-Öffentlichkeit. Denn: Beim FC Watford hat man vor dem Spiel gegen Tottenham Torwartprobleme. Tony Coton und Steve Sherwood waren verletzt. Plumley half aus, Watford verlor 1:4 und Gary stellte für sich fest, dass das mit dem mit dem Wein künftig die bessere Job-Idee war… Schließen wir die Anekdoten-Truhe!
1987 verkaufte Elton John den Klub an den Londoner Geschäftsmann Jack Petchey. „Zwar schafft es der Verein 1999 und 2006 in die Premier League aufzusteigen, aber der Zauber an der Vicarage Road ist verflogen“, schrieb ich 2010 in Absolute Dynamite! über den FC Watford. Ich habe mich ganz schön geirrt.

Das dramatischste Ende aller Zeiten?

Drei Jahre später wurden ich und sicher auch viele andere Fans des Insel-Kicks eines besseren belehrt. Wir springen vom Zeitalter der drei Fernsehprogramme in die YouTube-Ära. FC Watford Last Minute.

Das ist nicht der Titel eines Angebots für eine Fußballreise nach London. Es ist die automatisch generierte Google-Suchkombination für einen Clip mit dem FC Watford, der auf der Videoplattform 6,8 Millionen Mal (Stand: 15. Juli 2021) abgerufen wurde. Nehmen wir Manchester Citys Doppelschlag 2012 in der Nachspielzeit gegen die Queens Park Rangers (3:2) und zum Titelgewinn in der Premier League dazu, so gibt es nur wenige Sequenzen, die sich im modernen englischen Fußball dramatischer gestalten als diese.

Gemeint ist das Playoff-Spiel um den Premier-League-Aufstieg 2013 gegen Leicester City. Noch so ein Kandidat für eine Fußballreise nach England. Watfords Marco Cassetti verursachte gegen die „Foxes“ und Anthony Knockaert beim Stand von 2:1 einen Foulelfmeter. Mit einem 2:2 (Hinspiel: 0:1) für Leicester wäre der Traum für Watford vom Playoff-Finale in Wembley passé. Dann passierte das, was die Chronisten als „best end of a Football match ever“ betitelten. Watfords Torhüter Manuel Almunia, ziemlich bester Feind von Jens Lehmann beim FC Arsenal, hielt den Schuss und den Nachschuss von Knockeart. Aus dieser Aktion entwickelte sich die Szene, die Watford auch in der Neuzeit zum Kult machte. Über nur zwei Stationen kam der Ball auf die linke Seite, Jonathan Hogg legte per Kopfballablage am Fünfer zurück auf Troy Deeney – und der hämmerte zum 3:1 ein. Die Vicarage Road wurde zum Tollhaus. Die Fans stürmten auf den Rasen. Watford-Coach Gianfranco Zola verlor im Jubeltaumel kurzzeitig die Orientierung. „Sie sehen hier wirklich das außergewöhnlichste Finish“, jubelte der TV-Kommentator. Wie lange in den Pubs in Stadionnähe wie in Mac’s Bar in der Fearnley Street oder dem Red Lion (105 Vicarage Road), der Einschenke für Die-hard-Watford-Fans, getagt wurde, ist nicht überliefert. Aber, um es vorweg zu nehmen: Die Fußballreise nach London, zum Playoff-Finale gegen Crystal Palace (0:1 n. V.), lohnte sich für Watford nicht.

Troy Deeney

Der Matchwinner im Spiel gegen Leicester City - Troy Deeney (links)

Mit Österreichs EM-Star in die Premier League

Aber: Einen wie Almunia, der Löwenmut bewies, haben sie jetzt wieder im Tor. Es ist der Österreicher Daniel Bachmann. Kurz vor Beginn der Europameisterschaft 2021 machte ihn Österreichs deutscher Teamchef Franco Foda zur Nummer eins. Bachmann zahlte mit Top-Leistungen zurück – und hatte mit seinen Paraden großen Anteil am ersten Achtelfinale des ÖFB-Teams bei einer EM-Endrunde. „Einen starken Torhüter braucht das Land“, warb die Wiener Zeitung Die Presse einen Tag vor dem Turnierstart für Bachmann. Und zeigte ein Foto mit dem ÖFB-Torhüter und Elton John, der „als Edelfan des Klubs auftritt.“

Das stimmt nicht ganz. Der Sir ist inzwischen als Denkmal und Namensgeber an der Vicarage Road präsent. Und er beobachtet den Transfermarkt durch die bunte Brille. Immer wieder empfiehlt er den Verantwortlichen um Eigentümer Gino Pozzo „Spieler, die keiner kennt.“
Ob Bachmann, seit 2017 im Verein, oder der erst 19 Jahre alte, zu Saisonbeginn von Grimsby Town verpflichtete Innenverteidiger Mattie Pollock dazugehören, wissen wir allerdings nicht.

 

Carsten Germann
Der Autor:
Carsten Germann berichtet seit 2002 aus erster Hand über den englischen Fußball, u. a. für DIE WELT, BILD am SONNTAG und seit 2018 als leitender Redakteur bei Ligalive.net. Zudem gab er mit den Büchern Football’s home (2007) und Absolute Dynamite! (2010) zwei Sammelbände mit seinen Fußball-Reiseerlebnissen aus Großbritannien heraus. Für DIE FUSSBALLREISE schreibt er regelmäßig über den Insel-Kick.