Premier League Offside – Folge 12:

Carsten Germann

Autor: Carsten Germann
Veröffentlicht: 16.08.2020

Fußballstadt Lissabon: Ein Waterloo für die Engländer!

Die (hoffentlich) einzige Ausgabe des „Final 8“-Turniers in der Champions League in Zeiten der Corona-Pandemie in Lissabon wird vor allem für zwei Klubs ein ewiges Waterloo bleiben. Für den vom FC Bayern mit 2:8 gedemütigten FC Barcelona und für das von Olympique Lyon mit 1:3 blamierte Manchester City.

Lissabon. Die Hauptstadt Portugals mit ihren beiden architektonisch anspruchsvollen Stadien Da Luz, der Heimat von Benfica Lissabon, und dem Estadio José Alvalade, wo Sporting CP zu Hause ist, sollte bald wieder für viele Fans eine Fußballreise wert sein.

Beide Stadien sind – da zur EURO 2004 in Portugal vollständig renoviert – Arenen, die mit ihren geschwungenen Tribünen und ihren bunten Sitzreihen eine gewisse südeuropäische Leichtigkeit vermitteln und durchdachter Infrastruktur problemlos erreichbar sind. Das Estadio da Luz ist gut an das öffentliche Verkehrsnetz der der portugiesischen Metropole angebunden – im Umkreis von 2,5 Kilometern befinden sich zwei Bahnhöfe. Sportings Heimstatt, das Estadio José Alvalade, liegt im Norden der Stadt. Es ist nur acht bis 10 Minuten vom Lissaboner Flughafen entfernt und nach einem der Gründerväter von Sporting benannt. Welche Fußballfeste in beiden Stadien mit Zuschauern möglich sind, haben die EURO 2004 mit dem Überraschungssieger Griechenland und die Europacupfinals 2005 (UEFA-Cup) und 2014 (Champions League) gezeigt. Lissabon ist eine liebenswerte Fußballstadt, immer auch mit der Melancholie des portugiesischen Fado.

Lissabon hat Besseres verdient als das „Corona-Turnier“

Den „Blues“ können seit dem 15. August 2020 die hoch dotierten Teams aus der Premier League anstimmen. Mit dem entthronten Meister Manchester City verabschiedet sich das letzte Team aus der englischen Fußball-Eliteklasse aus diesem sterilen Turnier, das wohl nur den Verantwortlichen vom FC Bayern und der BILD-Zeitung gefällt….

Zurück zu den Engländern. Im schönen Lissabon müssen die stolzen Erfinder des Fußballs am 25. Mai 1967 zuschauen, wie die von ihnen kalt verachteten Schotten von Celtic Glasgow mit einem 2:1 gegen Inter Mailand in Oeiras, einem Vorort von Lissabon, als erstes britisches Team Europapokalsieger der Landesmeister werden.

Der größte englische Coup in Lissabon hieß Cristiano Ronaldo

Ein Jahr vor der EURO 2003 verliert Manchester United zwar zur Einweihung des Estadio José Alvalade mit 1:3 – doch in den Katakomben landen die „Red Devils“ einen Jahrhundert-Transfer. Ein gewisser Cristiano Ronaldo von Sporting Lissabon wird im Kabinengang von United-Trainerfuchs Sir Alex Ferguson verpflichtet. Wenige Stunden nach dem Gespräch mit „Fergie“, so besagt es die Legende, sitzt der junge Ronaldo in einer Privatmaschine nach England. In Manchester kommt die Karriere der Fußball-Maschine CR7 ins Rollen. Bis zu seinem Abschied zu Real Madrid im Jahr 2009 holt der portugiesische Ausnahmefußballer mit United 3-mal die englische Meisterschaft und 2008 die Champions League.

Beckham, Liverpool, Man. City: Englands schwarze Nächte in Lissabon!

2004 wird das Estadio da Luz für England zum Waterloo. Die „Three Lions“ scheitern im Viertelfinale im Elfmeterschießen (wie auch sonst…) an EM-Gastgeber Portugal. Auch, weil Superstar David Beckham bei seinem Elfer ausrutscht und über das Tor schießt. Schon ihr erstes Spiel verlieren die Engländer in Lissabon unter dramatischen Umständen: 1:2 gegen Frankreich durch zwei Tore von Fußball-Genie Zinedine Zidane in der Nachspielzeit.

Dass Lissabon auch für englische Klubteams nicht unbedingt eine Reise wert ist, muss ein Jahr später auch der FC Liverpool erfahren. Ein 0:1 im Estadio da Luz bei Benfica leitet 2006 das frühe „Aus“ des Champions-League-Siegers von der Merseyside ein. Nach dem 0:2 an der Anfield Road ist die Blamage perfekt.

Die Premier League ist der größte Verlierer der Corona-Champions-League

2020 hat sich der FC Liverpool als Titelverteidiger ebenfalls und im letzten Spiel vor dem Corona-Lockdown gegen Atletico Madrid im Achtelfinale aus der „Königsklasse“ verabschiedet. Bevor der Fußball-Betrieb regelrecht eingefroren wurde, fiedelte auch der vermeintliche deutsche Außenseiter RB Leipzig mit Tottenham Hotspur (3:0 / Hinspiel in London: 1:0) ein favorisiertes Premier-League-Team weg. Der FC Chelsea schloss sich dem Londoner Stadtrivalen mit 1:4 nach der Corona-Zwangspause und insgesamt 1:7 in der Addition gegen den FC Bayern München aus Sympathie an.

Nun also Manchester City. Die „Citizens“ hätten bei der Vergabe des Final-Turniers durch die UEFA an Lissabon gewarnt sein müssen, denn in ihrem ersten Premier-League-Meisterjahr 2011/2012 mussten sie im Europa-League-Achtelfinale nach 0:1 und 2:3 gegen Sporting CP die Segel streichen. Die Mannschaft von Pep Guardiola, die ihre Popularitätswerte durch die vom europäischen Sport-Gerichtshof CAS zurückgenommene Europacup-Sperre nicht unbedingt erhöht hat, spielte bei ihrem einzigen Auftritt im „Final 8“ gegen Lyon so wie viele andere englische Teams vor ihr in Portugal: Im Urlaubs-Modus.

„Schlimmstes und peinlichstes Aus in der Champions League“: Diese Kritik hat sich Manchester City hart erarbeitet…

Das Presse-Echo auf der Insel war verheerend. „City fed to Lyons by Guardiola“, schrieb die noble Times. „Pep Guardiola leidet unter seinem wahrscheinlich schlimmsten und peinlichsten Aus in der Champions League. Guardiola wäre besser dran, wenn er sich seine eigenen Fehler eingestehen würde“, hatte sich der Independent auf den City-Coach und früheren Bayern-Trainer eingeschossen. „Die Champions-League-Träume von Manchester City wurden für ein weiteres Jahr durch eine qualvolle 1:3-Viertelfinal-Niederlage gegen Lyon zunichte gemacht“, schrieb der Sunday Express.

Manchester City hat – anders als Bayern, Leipzig oder Lyon – nicht erkannt, wie groß diese geschenkte Chance des Blitzturniers in Lissabon ist. Nie war es leichter, die Champions League zu gewinnen! City hat es nach der enttäuschenden PL-Saison nicht verstanden, sich auf den internationalen Wettbewerb zu fokussieren. Der Gewinn des Henkelpotts ist das erklärte Ziel der Klub-Finanziers vom Persischen Golf. Und einmal mehr muss man sich fragen: Warum eigentlich? Dass die „nationale Krise der Mannschaft von Pep Guardiola in der Königsklasse ein Segen werden“ könnte, wie das Kicker-Sportmagazin im Februar in seinem Europacup-Special vermutete, erwies sich als Trugschluss. City, das durch das Ausschalten von Real Madrid (Achtelfinale) eigentlich euphorisiert sein musste, enttäuschte gegen Lyon auf ganzer Linie. Guardiola hat sich gegen die konterstarke Lyonnais ganz einfach verzockt. Er ließ die passsicheren Ideengeber Riyad Mahrez und David Silva zu lange auf der Bank und seine Dreier-Kette ließ „OL“ richtig viel Platz zum Kontern. Merci beaucoup, wie der Franzose sagt... „Guardiola schuf eine Saat des Zweifels mit einer schlechten Aufstellung, die Lyon die Initiative ließ“, analysierte UEFA-Reporter Simon Hart. Tja, selbst schuld!

Der Vorschlag des Spaniers an Liverpools Meistercoach Jürgen Klopp bei einer Gala, einfach die Trophäen – Champions League gegen Premier League – zu tauschen, bleibt damit ein glänzender, spontaner Scherz der beiden Trainer-Entertainer. Zum 3. Mal in Folge verabschiedete sich Manchester City im Champions-League-Viertelfinale. Eine Blamage für den mit mehr als einer Milliarde Euro teuren Luxuskader. Die „Citizens“ beschlossen damit eine Saison ohne Titel und sind auch für mich der größte Verlierer dieser so besonderen englischen Fußball-Spielzeit.

Den Spott aus dem Lager des FC Liverpool gab es bei Facebook gratis dazu: „Good bye, Manchester City! Thank you for trying.“

 

 shutterstock 765262579 Estadio Jose Alvalade klein
Foto: „Wir sind für immer bei Euch“ – Die Inschrift der Sitzreihen im schmucken Estadio José Alvalade in Lissabon passte gerade zum Champions-League-Finalturnier vor leeren Rängen bestens…  

Fotorechte: Lizenzfreie Stockfoto-Nummer: 765262579 / Sergij Nagornyi

 

Der Autor: Carsten Germann berichtet seit 2002 aus erster Hand über den englischen Fußball, u. a. für DIE WELT, BILD am SONNTAG und seit 2018 als leitender Redakteur bei Ligalive.net. Zudem gab er mit den Büchern Football’s home (2007) und Absolute Dynamite! (2010) zwei Sammelbände mit seinen Fußball-Reiseerlebnissen aus Großbritannien heraus. Für DIE FUSSBALLREISE schreibt er regelmäßig über den Insel-Kick.

Hinterlasse dein Kommentar