Premier League Offside: Folge 29

Carsten Germann

Autor: Carsten Germann
Veröffentlicht: 04.04.2022

Veröffentlicht in Premier League Offside

Im Theater der Ahnungslosen – Wer wird neuer Trainer von Manchester United?

Das stolze Manchester United wird die 5. Saison in Folge ohne Titel erleben. Der englische Rekordmeister hat sich enttäuschend gegen Atlético Madrid (0:1) aus der Champions League verabschiedet und ist nach 1:1 gegen Leicester City in der Premier League auf Rang 7 abgestürzt. Fans und Experten verzweifeln an Interimstrainer Ralf Rangnick (63), den ich in dieser Kolumne für den Glamour in Old Trafford zuständig sah. Dabei bleibe ich auch, ich habe nur geschrieben, dass er Glanz ins „Theatre of Dreams“ bringt. Von Erfolg war nicht die Rede…

Wenn sich Zlatan Ibrahimovic (40) einmal mit einem Verein beschäftigt, dann muss einiges passiert sein. Am Sonntag haute der ehemalige Stürmer von Manchester United über Twitter mal wieder einen raus. „Barcelonas Frauen-Mannschaft“, so „Ibra“, „würde Manchester Uniteds Herren-Team schlagen, selbst wenn alle Spielerinnen schwanger wären.“

Ibrahimovic verhöhnt seinen Ex-Klub

Das schrieb der Mann, der nicht in die Premier League wechselte. Nein, die Premier League kam zu ihm… und zwar von 2016 bis 2018. Ibrahimovic hat 2017 auch mitgeholfen, die letzten Titel nach Manchester zu holen, den englischen Ligapokal und die Europa League. Seitdem ist man bei United auf der Suche nach der verlorenen Zeit.

Zlatan Ibrahimovic lästert über seinen Ex-Klub Manchester United

Zlatan Ibrahimovic lästert über seinen Ex-Klub Manchester United. Foto: Shutterstock

Zurückbringen konnte sie auch Tor-Maschine Cristiano Ronaldo (37) nicht, dem atmosphärische Störungen mit Ralf Rangnick nachgesagt werden. Sicher, CR7 ist bei einer Fußballreise nach Manchester im Old Trafford immer noch sein Geld wert – 12 Tore in 24 Premiere-League-Spielen (Stand: 4. April 2022). Aber der Portugiese kann die Probleme bei den „Red Devils“ nicht alleine beheben.

„Sie gehen unter!“

„Stehend k.o.“, sah das Kicker-Sportmagazin Manchester United nach dem Champions-League-„Aus“ am 16. März 2022, „Wie lange hält sich Ralf Rangnick noch? Auch unter ihm stagniert Manchester United.“ Und spielt das Old Trafford leer! Dass die Fans in Massen und weit vor Spielende das Stadion verlassen, diese Bilder sah man gegen Atlético nicht zum ersten Mal.

Torhüter David de Gea fällte im Anschluss an das Spiel gegen Atlético Madrid ebenfalls ein vernichtendes Urteil: „Das ist hart für den Klub, ich bin traurig für die Fans, aber wir sind einfach nicht gut genug.“ Jan-Age Fjörtoft, Ex-England-Profi, beim österreichischen Champions-League-Sender Servus TV: „Manchester United ist vielleicht nach Real Madrid der größte Klub, wenn man die Metapher von The Yellow Submarine für Villarreal für sie verwendet: Sie sind ein Red Submarine, aber sie gehen unter!“

Klub-Legende Paul Scholes (u. a. Champions-League-Gewinner 1999 und 2008) wurde nach dem Spiel gegen Atlético deutlich: „Wie man Ralf Rangnick als Trainer auswählen konnte, weiß ich nicht, das erste, was dieser Klub braucht, um wieder um den Titel mitzuspielen, ist ein Coach, der mit dem Team arbeitet. Hätte Diego Simeone United gecoacht, wäre man weitergekommen.“

Zum Vergleich: Seit „El Cholo“, Diego Simeone (51), in Madrid am 23. Dezember 2011 ins Amt kam, verschliss Manchester United sieben Trainer. Atlético gewann in elf Jahren mit dem Argentinier Simeone acht Titel, dabei zwei Mal die spanische Meisterschaft und zwei Mal die Europa League. United holte seitdem nur vier Trophäen und die nun perfekte, fünfjährige Titel-Durststrecke hat es zuletzt vor 40 Jahren gegeben, zwischen 1977 und 1982.

Bedenklich ist dabei, dass der von der US-amerikanischen Eigentümerfamilie Glazer geführte Klub in Sachen Trainerlösung in der Tat vieles versucht hat. Große Namen wie Louis van Gaal oder José Mourinho, das Klub-Idol Ole Gunnar Solskjaer („Ole’s at the Wheel“…) oder nun der Fußball-Professor aus dem Schwäbischen, Ralf Rangnick. Aber eben alles ohne Erfolg.

Im „Theater der Ahnungslosen“?

Dem Spiel der „Red Devils“ bescheinigen Insider wie England-Legende Keir Radnedge im Kicker „eine erschreckende Plan- und Hilflosigkeit.“ Ich schaute mir die Transfers seit dem Ferguson-Abschied (2013) an und komme heute genau wie im Herbst 2019 in meiner Analyse bei BWIN Fußball zu dem Urteil: Manchester Uniteds Transferpolitik wirkt wie „ein Werk von Fußball-Ahnungslosen“ (The Guardian)!

Auch, wenn man die Portugiesen Bruno Fernandes und Ronaldo ausklammert, wird man diesen Eindruck nicht los. 85 Millionen Euro hängte man im Sommer in den Wechsel von Vize-Europameister Jadon Sancho (22) von Borussia Dortmund, seine Leistungsdaten sind mit 5 Treffern in 34 Pflichtspielen enttäuschend! Raphael Varane von Real Madrid kostete 40 Mio. Euro, stabilisieren konnte der Innenverteidiger die United-Abwehr nicht. 41 Gegentreffer sind Höchstwert in der Spitzengruppe der Premier League.

Memphis Depay, für den man 34 Mio. Euro an die PSV Eindhoven überwies, war ab 2015 nicht das erhoffte Fußball-Versprechen bei Man. United. Auch der Niederländer spielte nur eine Saison in Old Trafford. Größter Flop der Nach-Ferguson-Zeit ist jedoch Alexis Sánchez. Der Chilene kostete 2018 satte 70 Millionen. Leider standen in Manchester bei seinem förmlich herbeigesehnten Abschied 3 Liga-Tore aus 32 PL-Spielen, das ist die schlechteste Ausbeute des Südamerikaners, inzwischen bei Inter Mailand, auf allen seinen Stationen in Europa.

2016 leistete sich Man. United den vielleicht bizarrsten Transfer der Fußballgeschichte. Den einst ablösefrei an Juventus Turin abgegebenen Franzosen Paul Pogba holte man für die damalige Weltrekord-Transfersumme von 105 Mio. Euro aus Italien zurück. Pogba avancierte in Manchester zum Weltmeister. Er führt das Team aber zu selten und er ist auch in dieser Saison mit nur 17 Spielen eine Enttäuschung. Zudem stellte der Franzose während der Länderspiel-Pause im März Rangnick in der Zeitung Le Figaro die Sinnfrage: „Deschamps hat mir in der Nationalmannschaft eine Rolle gegeben, aber habe ich bei Manchester United wirklich eine Rolle? Ich stelle die Frage und finde keine Antwort.“

Zwei Transfer-Flops von Manchester United auf einem Bild: Paul Pogba (hinten) un

Zwei Transfer-Flops von Manchester United auf einem Bild: Paul Pogba (hinten) und Alexis Sanchez. Foto: Shutterstock

Ein Niederländer ist „mehr als ein Kandidat“

Die kann ich leider nicht liefern. Was ich aber anbieten kann, sind Trainernamen, die dem leck geschlagenen Rekordmeister wirklich helfen könnten. Mauricio Pochettino, „The Posch“ aus Paris, wird gehandelt. Dass der temperamentvolle Argentinier Premier League-Klubs erfolgsorientiert coachen kann, dass der Posch abgeht, zeigte er in Tottenham. Aber wenn wir ehrlich sind: Nie ging „die Posh“ in Manchester schöner ab, als in den seligen Zeiten mit unseren Beckhams…

Oder Erik ten Hag (52) von Ajax Amsterdam. Ein Konzept-Trainer der laut Rangnick (soll als Berater über das Saisonende hinaus bei United bleiben…) „mehr als ein Kandidat“ auf den Schleudersessel im Old Trafford ist. Das sah auch Klub-Idol Gary Neville nach dem enttäuschenden 1:1 gegen Leicester bei Sky Sports so: „Nach dieser Leistung würde es mich nicht überraschen, wenn es in der nächsten Woche eine Pressekonferenz gäbe, bei ten Hag geht es angeblich nur noch um die Details.“

Erik ten Hag - neuer Trainer bei Manchester United

Update: in der Zwischenzeit wurde Erik ten Hag als neuer Trainer der Reds ab der Saison 2022/23 vorgestellt

Nach dem „Chosen One“ David Moyes, dem „Special One“ José Mourinho und „Ole at the Wheel“ also nun „More than a candidate“ bei Manchester United? Die Fußball-Professur ist neu zu vergeben.

 

 

Carsten GermannDer Autor: Carsten Germann berichtet seit 2002 aus erster Hand über den englischen Fußball, u. a. für DIE WELT, BILD am SONNTAG und seit April 2021 auch als leitender Redakteur beim Portal Fussballdaten.de. Zudem gab er mit den Büchern Football’s home (2007) und Absolute Dynamite! (2010) zwei Sammelbände mit seinen Fußball-Reiseerlebnissen aus Großbritannien heraus. Für DIE FUSSBALLREISE schreibt er regelmäßig über den Insel-Kick.