Premier League Offside – Folge 4:

Carsten Germann

Autor: Carsten Germann
Veröffentlicht: 09.02.2020

Wertlos-Cup? Micky-Mouse-Cup? League-Cup!

Carabao League-Cup – Diesen exotisch anmutenden Namen trägt der traditionsreiche englische Ligapokal seit 2017 oder besser: Seit der 9. Umbenennung seit 1982!

Oft geschmäht, hat dieser Wettbewerb anders als der ausbaufähige DFL-Supercup bzw. der glücklicherweise seit 2007 nicht mehr ausgespielte ,,premiere Ligapokal“ einen entscheidenden sportlichen Mehrwert. Das Flutlicht ist schuld. Mit der Entdeckung und vor allem mit der Installation der magisch wirkenden Beleuchtung in den Stadien können im englischen Fußball ab Anfang der 1960er-Jahre auch die Wochentage für Spiele genutzt werden. Der Ruf nach einem eigenen, unter der Woche ausgespielten Wettbewerb wird schnell laut und 1960/61 wird der Ligapokal erstmals ausgespielt.

Der Liga-Cup ist immer noch besser als sämtliche DFL-Konstrukte

Viele Vereine stehen dem neuen Pokal-Wettbewerb anfangs jedoch skeptisch gegenüber. Was tut man in so einem Fall? Man schafft Anreize! Der unschlagbare Vorteil besteht ein paar Jahre nach der Cup-Einführung darin, dass sich der Sieger des Ligapokals für den UEFA-Cup bzw. seit 2009 für die Europa League qualifiziert. Hier liegt der entscheidende Unterschied zum Theaterdonner, der seit den 1980er-Jahren in Deutschland um den „DFB-Supercup“, den ,,premiere-Ligapokal“ oder den DFL-Supercup gemacht wird. Denn außer einem von findigen Designern gefertigten Pokal und einer Zahl auf dem Briefkopf gibt es dafür nichts. Nicht mal Lucien Favre gibt in Dortmund mit dem im August gewonnenen DFL-Supercup an…
Das tun die Sieger im englischen Ligapokal übrigens auch nicht. Dem Wettbewerb fehlt auch fast 60 Jahre nach seiner Einführung das Prestige. Aus dem Schatten des seit 1871 ausgespielten FA Cup kann er sich nie lösen. Auch, weil die Amateurklubs hier außen vor sind! Anders als im FA Cup spielen im Ligapokal – Nomen est omen – nur die 92 Vereine der Football League, die den Wettbewerb selbst organisiert, und natürlich die Vereine der Premier League mit. Die Klubs aus der 1992 novellierten englischen Fußball-Eliteliga steigen in der 2. Runde ein.

Keine Auswärtstor-Regel!

Die Begegnungen werden in jeweils zwei Spielen ausgetragen, wobei jeder Verein gegen seinen zugelosten Gegner ein Heim- und ein Auswärtsspiel austrägt. Die Sieger, ermittelt aus der Addition der beiden Spielergebnisse, ziehen ins Finale ein. Führt das addierte Resultat zu einem Remis, wird die Partie im Elfmeterschießen entschieden. Seit der Saison 2018/2019 gilt die im Europapokal bewährte Auswärtstor-Regel (Bei Tor-Gleichstand in zwei Spielen kommt das Team weiter, welches die größere Anzahl an Auswärtstreffern vorweisen kann) im League-Cup nicht mehr. Ein Gleichstand führt sofort zum Elfmeterschießen. Die Ausnahme bildet das Finalspiel.
Eigentlich ein spannender Modus, oder? Nicht für die Trainer der viel belasteten Premier-League-Klubs. Liverpools Jürgen Klopp und auch andere Übungsleiter lassen im Liga-Cup oft die Spieler aus der zweiten oder dritten Reihe ran – und demonstrieren damit ihr Desinteresse an diesem Wettbewerb. Das aber hat auch seine Vorteile. Der Liga-Cup hat vermeintlichen Außenseiter immer wieder zu einem Titel verholfen. Die Blackburn Rovers, der Klub von Ex-HSV-Profi Lewis Holtby übrigens (falls es mal bei Jauch gefragt wird), Leeds United, Luton Town, der FC Middlesbrough, Oxford United, die Queens Park Rangers, Sheffield Wednesday, Stoke City, Swansea City, Swindon Town, und West Bromwich Albion haben die Trophäe jeweils ein Mal gewonnen.

In der Premier-League-Ära wird der Wettbewerb zum „Wertlos Cup“

Der Liga-Cup muss sich nicht zuletzt durch diese sportliche Abwertung mit den B-Mannschaften der Premier-League-Klubs den Ruf eines „Wertlos-Cups“ anheften lassen. Diese Vorbehalte stammen hauptsächlich aus der Zeit, in der die Premier League schon die Lizenz zum Gelddrucken ist. Von 1998 bis 2003 sponsert die Brauerei Worthington den Wettbewerb. Sie ist die fünfte Marke, die den Pokal nach sich benennt. Die vorangegangenen Unternehmen sind Coca-Cola, das Unterhaltungselektronik-Unternehmen Rumbelows, der Wettanbieter Littlewoods und der britische Milchverband. Vor allem letztere Namensgebung konnte im bierseligen England nicht lange gut gehen…

Wer wird stolzer Sieger im Zeichen des Carabao?

Ungeachtet dessen, das ab 1998 die Bierbrauer von Worthingtons die ganze Sache in die Hand nehmen, wird der Ligapokal gerade in dieser Zeit zum „Worthless Cup“, zum wertlosen Pokal, abgestempelt. In Fachkreisen wird er auch als Mickey-Mouse-Cup verspottet, obwohl die berühmte Disney-Figur bis heute noch bei keinem Finale gesichtet worden ist… Dafür winken die Maskottchen der beiden Final-Teams – Maskottchen sind eine echte Institution im englischen Fußball – in die Kameras. Dass der Wettbewerb nun seit 2017 nach dem thailändischen Energydrink Carabao benannt ist und den Kopf eines Wasserbüffels im Logo trägt, macht die Realsatire zum Ligapokal noch deftiger.

Ligacup-Finale in Wembley ist Kult

Schluss mit lustig ist allerdings beim Finale. Es wird seit 1966 traditionell im Londoner Wembley-Stadion ausgetragen. Während der Umbauzeit des englischen Fußballtempels ist das Millennium Stadium in Cardiff zwischen 2000 und 2007 die Final-Arena. Die Magie dieser Finalspiele im „neuen“ Wembley ist allein die Reise nach London wert! Es steht dem FA Cup Finale stimmungsmäßig kaum nach. Und: Der Ligapokal bringt in England die früheste Entscheidung in einer Saison. Vorausgesetzt, Klopp und sein FC Liverpool machen die Meisterschaft nicht schon im Februar klar…
Am 1. März 2020 ist es wieder soweit. Dann heißt es „London calling“, dann hat Manchester City mit Coach Pep Guardiola gegen Premier-League-Rückkehrer Aston Villa die Chance, den Hattrick in diesem Wettbewerb zu landen. Mit einem 3:1 nach Elfmeterschießen (0:0 n. V.) verderben die „Citizens“ übrigens Jürgen Klopp in seiner ersten Saison beim FC Liverpool 2015/2016 am 28. Februar 2016 die Final-Premiere auf der Insel. 2018 setzt sich die Mannschaft von Guardiola klar mit 3:0 gegen den FC Arsenal und im letzten Jahr mit 4:3 im Elfmeterkrimi gegen den FC Chelsea durch. (Die Fussballreise zum Finale) https://www.die-fussballreise.de/carabao-cup/

Liverpools letzter nationaler Titel ist der Liga-Cup!

Klopp gibt nicht viel auf den Liga-Cup – obwohl Liverpool mit 8 Titeln Rekordsieger ist. Das sollte er nicht tun, denn es ist dies der letzte nationale Titel ist, den der designierte englische Fußballmeister gewonnen hat. Und das unter Klub-Legende Sir Kenny Dalglish im Jahr 2012.
Nun werden viele denken: Ist ja klasse für Aston Villa, dann spielen sie nächstes Jahr auch bei einer Final-Niederlage international! Leider nicht. Denn, so sind sie nun mal, die Engländer, nur der Sieger des Ligapokals darf im kommenden Jahr das Fußball-Mutterland in der Europa League vertreten. Frei nach den schwedischen Philosophen von ABBA: „The Winner takes it all.“ Das gilt selbst dann, wenn der Finalgegner, wie in diesem Fall Man. City, sicher in der Champions League spielen wird. Dann rückt der 6. der Premier League nach. Wirklich Pech.
Carsten Germann

Der Autor: Carsten Germann berichtet seit 2002 aus erster Hand über den englischen Fußball, u. a. für DIE WELT, BILD am SONNTAG und seit 2018 als leitender Redakteur bei Ligalive.net. Zudem gab er mit den Büchern Football’s home (2007) und Absolute Dynamite! (2010) zwei Sammelbände mit seinen Fußball-Reiseerlebnissen aus Großbritannien heraus. Für DIE FUSSBALLREISE schreibt er regelmäßig über den Insel-Kick.

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Quellennachweis: Cosmin Iftode/Shutterstock
Ex-Bundesligaprofi Kevin De Bruyne und Manchester City spielen am 1. März 2020 gegen Aston Villa erneut um den englischen Liga-Cup.

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