Premier League Offside – Folge 20:

Carsten Germann

Autor: Carsten Germann
Veröffentlicht: 21.09.2021

Veröffentlicht in Premier League Offside

Leeds United und seine Rivalen: Selbst Bayern gehört dazu!

Leeds United. Der Kultklub aus Yorkshire hat ziemlich beste Feinde. Die Fußballreise nach Leeds wird vor allem für Manchester United und Rückkehrer Cristiano Ronaldo (36) keine Kaffeefahrt.

No one likes us – we don’t care! Keiner mag uns, scheißegal. Nur wenige Klubs in England können diesen wenig schmeichelhaften Fan-Slogan eher für sich reklamieren als Leeds United. Wer auf der Insel schlecht auf die „Whites“ zu sprechen ist, für den gilt: Nummer ziehen und hinten anstellen!

Die Reihe der Rivalen des englischen Meisters von 1974 ist lang. Der FC Millwall (die Fans der „Lions“ erfanden den Fansong über sich selbst und singen oft und gern No one likes us – we don’t care!), Sheffield United und Wednesday, Bradford City und Huddersfield Town. Die intensivste Rivalität verbindet Leeds allerdings mit Manchester United.

„Furchteinflößende Atmosphäre“ an der Elland Road

Wenn selbst Sir Alex Ferguson, der legendäre Man-United-Coach, im Zusammenhang mit der Elland Road von einer „furchteinflößenden Atmosphäre“ spricht, dann ist das mehr als eine Fußball-Rivalität. „Die Fans können bei Liverpool gegen Manchester eine harte Rolle spielen“, sagte Ferguson im September 2011 dem Guardian, „aber das hat nie das Level wie gegen Leeds United erreicht. Nie.“ Der Sir hat Recht.

Ziemlich beste Feinde: Leeds und Manchester United. Foto: Shutterstock, Lizenz-N

Ziemlich beste Feinde: Leeds und Manchester United. Foto: Shutterstock, Lizenz-Nummer: 1823593376

Dass die Elland Road ein besonderes Stadion ist, liegt an ihrer Bauweise. Da ist die 17.000 Zuschauern Platz bietende East Stand. Als sich Christoph Daum vom VfB Stuttgart am 30. September 1992 verwechselte und die Champions League verspielte, war diese Tribüne noch im Bau. Sie ist doppelt so hoch wie die übrigen drei Tribünen. Dadurch, dass das EM-Stadion von 1996 in den Ecken geschlossen ist, entwickelt sich eine unheimliche Akustik.

Trotzdem ist eine Fußballreise nach Leeds nicht für jeden Besucher automatisch ein Abenteuerurlaub. „Wenn nicht gerade ein Match gegen Manchester United, ein Pokaltreffen oder ein Derby auf dem Plan steht“, schreibt der Autor und England-Insider Duncan Adams (2007), „ist Leeds ein halbwegs angenehmer Ort, um Fußball zu gucken.“ Doch er warnt: „Besucht man jedoch eine der eben genannten Paarungen, ist rund um das Stadion und auf den anliegenden Parkplätzen Vorsicht geboten!“

Elland Road Stadion.Leeds United

Das berühmt-berüchtigte Elland Road Stadion.von Leeds United. Foto: Shutterstock

Manchester United zu "dissen" ist für manchen Leeds-Fan Lebensaufgabe

Leeds gegen Manchester United – das ist fast schon eine Lebenseinstellung. Das gilt jedenfalls für einen, der 2018 von Leeds United ausgezeichnet wurde, weil er ab 1968 kein einziges Heimspiel verpasst hatte. Der Anstreicher Gary Edwards aus Kippax bei Leeds weigerte sich, wie er mir bei den Recherchen für mein erstes England-Buch Football’s home – Geschichten vom englischen Fußball (2007) verriet, den Vereinsnamen von Manchester United korrekt zu schreiben. „Wenn ich mal Zeit zum Ausruhen habe, genieße ich Nichts mehr, als manchester united zu hassen. Ich bringe es nicht mal fertig, ihren Namen in Großbuchstaben zu schreiben. So wie ich Leeds von ganzem Herzen liebe, ist auch meine Abneigung gegen sie ein Full-Time-Job.“

Einmal, so erzählte er mir damals, habe er von einem nach Australien ausgewanderten Kollegen einen sehr günstigen, roten Lieferwagen gekauft. „Bevor ich das Ding überhaupt fahren konnte, musste es erst einmal komplett weiß überstrichen werden.“ Das ist nur konsequent.

Es zeigt aber auch, dass die Rivalität Leeds gegen Manchester United keine Grautöne kennt. Auf Leeds‘ Seite gibt es keine „Red-Devils-Versteher.“ Dass Leeds United 1992 der letzte Meister der alten First Division war und den Titel vier Punkte vor Manchester United eingefahren hat, macht die Sache nicht besser. Auch, weil mit einem gewissen Éric Cantona ein Spieler mitten im kalten United-Krieg die Seiten wechselte. Ausgerechnet Manchester angelte sich den verrückten Franzosen, der nach seinem Abschied im Winter `92 mit 20 Tor-Beteiligungen (neun Treffer) in 22 Spielen Man. Uniteds ersten Premier-League-Titel überhaupt möglich machte. In Leeds blickte man mit dem Ofenrohr ins Gebirge.

Éric Cantona, „Big Rio“ Ferdinand und Co.: Frontenwechsel im Rosenkrieg

Von Leeds United nach Manchester zog es auch Rio Ferdinand und Alan Smith. Beide brachten den finanziell wie sportlich stets im Schatten der „Red Devils“ stehenden „Peacocks“ zwar stolze 51 Millionen Euro Ablöse, sie können sich vermutlich aber bis heute in Leeds nur an spielfreien Tagen sehen lassen. So sie das überhaupt wollen…
Legendäre Spieler, die von Manchester United nach Leeds wechselten, waren Gordon Strachan oder Johnny Giles. Den Waliser Daniel James von Man.United ließ sich Leeds im Sommer 2021 mehr als 29 Mio. Euro kosten. Nur Rodrigo holte man 2020 vom FC Valencia für eine noch höhere Ablöse (30 Mio. Euro).

Sir Matt gegen den „Gaffer“

Leeds gegen Manchester United, diese Feindschaft wird in England unter dem Schlagwort „Rosen Rivalität“ geführt. Die rote Rose symbolisiert Lancashire und das nahe gelegene Manchester. Die weiße Rose steht für Yorkshire und Leeds. Die gegenseitige Abneigung funktionierte aber nicht ohne eine echte Männerfeindschaft. Sir Matt Busby (1909 – 1994) gegen Don Revie (1927 – 1989 / „The Gaffer“). Zwei Trainerpersönlichkeiten, die England prägten. Revie coachte Leeds United von 1961 bis 1974. Er rettete den Klub im ersten Jahr vor dem Sturz in die Drittklassigkeit. 1964 gelang die Rückkehr in die First Division, die Leeds mit Revie 1969 und 1974 gewann. Auch den Messepokal, den Vorgänger des UEFA-Cups, stemmte man zweimal (1968, 1971). Dazu kamen fünf (!) englische Vizemeisterschaften zwischen 1965 und 1972. Der „Gaffer“ holte und entwickelte Spieler wie Johnny Giles, Jack Charlton, Norman „Bite yer legs“ Hunter († 2020), Peter Lorimer und Billy Bremner. Trafen Leeds und Manchester United in dieser Zeit aufeinander, sah das laut Yorkshire Post selbst bei einem 0:0 so aus: „Beide Teams benahmen sich wie eine Horde Hunde, die nach einem Knochen schnappt.“

Elland Road Stadion.Leeds United

Blick auf Leeds Uniteds berühmtes Stadion an der Elland Road mit der Statue von Klub-Idol Billy Bremner (1942 – 1997). Foto: Shutterstock / Phil Silverman / Lizenz-Nummer: 1404748817

Leeds United vs. Millwall FC: Gipfel der Geschmacklosigkeit

Noch heftiger formuliert man in England die Rivalität zwischen Leeds United und dem FC Millwall. Nach Leeds‘ Absturz in die drittklassige Football League One im Jahr 2007 flammte diese erbitterte Feindschaft neu auf. Im Oktober 2007 (4:2) musste die Polizei die rivalisierenden Hooligan-Gruppen an der Elland Road trennen. Bilder, die man im modernen Fußball-England eigentlich lange vergessen glaubte! Rund um das Stadion und um die Statue von Leeds-Legende Billy Bremner († 1997) gab es schwere Ausschreitungen. Umgekehrt waren Leeds-Auswärtsspiele im berüchtigten The Den, dem Stadion des FC Millwall nahe des Bahnhofs London Bridge, Schwerstarbeit für die Polizei und die Ordnungskräfte. Nicht ohne Grund. Die die Hooligan-Gruppen („Firms“) der beiden Klubs, die „Bushwhackers“ aus Millwall und die „Leeds United Service Crew“, gelten seit den wilden 1970er-Jahren im englischen Fußball als berüchtigt. Als „Plage des Fußballs“ (Yorkshire Evening Post, 2016) untermauerte die „Service Crew“ den Ruf von United als

„Dirty Leeds“, als schmutziges Leeds. Man muss nicht jeden Service gut finden

Die Geschmacklosigkeit erreichte einen tieferen Tiefpunkt, als Millwall-Fans 2011 während des Championship-Spiels an der Elland Road türkische Flaggen präsentierten. Eine Missachtung der beiden Leeds-Anhänger, die rund um das UEFA-Cup-Halbfinale 2000 bei Galatasaray Istanbul zu Tode gekommen waren. Mittendrin damals: Gary Edwards. Der legendäre Leeds-Allesfahrer wurde unbeteiligt in die Geschehnisse am Istanbuler Taksim-Platz hineingezogen. Es kam es zu einer Messerstecherei zwischen 15 Engländern und einer Gruppe von Türken. Stühle flogen, es gab hässliche Jagdszenen. „Es war deshalb so schlimm, weil wir unbeteiligten Fans von der türkischen Polizei überhaupt keine Hilfe erhalten haben.“ So erzählte es mir Edwards ein paar Jahre später, immer noch angefasst.

Bayern gegen Leeds: One Night in Paris…

Der türkische Traditionsverein Galatasaray gehört seit der blutigen Nacht vom 6. April 2000 zu den internationalen Teams, über die man in Leeds nur ungern spricht. Gewalt auf Europacup-Reisen von Leeds United ist aber schon viel früher ein Thema bei den „Whites“. Das Landesmeister-Finale am 28. Mai 1975 in Paris gegen den FC Bayern München (0:2) bescherte Leeds eine zweijährige Europacup-Sperre, weil einige der 10.000 mitgereisten Fans durchdrehten und erst im Prinzenparkstadion, dann nachts im noblen Hotel Auteuil randaliert hatten. Und bei Bayern München dachte man sich die legendären Worte: „Ins Hotel? Wie bitte, ins Hotel?“

Hinter Huddersfield und Sheffield: Leeds musste lange leiden…

Last but not Leeds: Die West Yorkshire Derbies gegen Bradford City, Huddersfield und die beiden Klubs aus Sheffield, United und Wednesday. Über die „Bantams“ aus Bradford wird in Leeds vielleicht nicht mit so viel Emotion und Verachtung gesprochen wie über Manchester United oder Millwall. Das heißt aber nicht, dass es die Duelle mit Bradford, Huddersfield Town, 2017 durch den Aufstieg in die Premier League erstmals seit 45 Jahren wieder in der höchsten englischen Liga, weniger brisant sind. Leeds United stürzte 2004 aus der Premier League bis in die 3. Liga. Die „Chronik eines angekündigten Todes“, wie sie das Magazin 11 FREUNDE beschrieb. In dieser entbehrungsreiche Zeit, die erst 2020 endete, spielten Sheffield United (46 Kilometer von Leeds entfernt) oder Huddersfield Town (23 Kilometer) allerdings in der Premier League, was man an der Elland Road neidisch und zähneknirschend mit ansehen musste.

Nun ist Leeds United wieder im Geschäft. Und spielt gegen seine ziemlich besten Feinde aus Manchester. Diese Spiele sind bis heute Emotion pur und für zarter besaitete Fans auch Nervenkitzel. Aber: Sie sind eine Fußballreise nach England wert.

 

Carsten Germann
Der Autor:
Carsten Germann berichtet seit 2002 aus erster Hand über den englischen Fußball, u. a. für DIE WELT, BILD am SONNTAG und seit 2018 als leitender Redakteur bei Ligalive.net. Zudem gab er mit den Büchern Football’s home (2007) und Absolute Dynamite! (2010) zwei Sammelbände mit seinen Fußball-Reiseerlebnissen aus Großbritannien heraus. Für DIE FUSSBALLREISE schreibt er regelmäßig über den Insel-Kick.