Premier League Offside – Folge 5:

Carsten Germann

Autor: Carsten Germann
Veröffentlicht: 25.02.2020

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Machester City unbeliebt? Definitely maybe!

Zugegeben, es ist nicht die Zeit der Fußball-Projekte. Nach Hertha BSC gerät auch Manchester City ins Schleudern. Die UEFA hat den englischen Meister für zwei Spielzeiten aus allen europäischen Wettbewerben verbannt.

Der Spott ist groß. Mein persönliches Highlight: „Aus Solidarität mit Manchester City verzichtet der Hamburger SV in den kommenden zwei Jahren auf die Teilnahme an der Champions League.“ Das ist nur konsequent. Dass das Fußball-Projekt Manchester City, seit 2008 fürstlich mäzeniert von einem Konsortium aus Abu Dhabi, in diesen zwei Jahren – so die Sperre auch nach der von City eingelegten juristischen Berufung Bestand hat – an Strahlkraft verliert, ist abzusehen.

Das dürfte Wasser auf die Mühlen der City-Gegner sein, nicht nur in der eigenen Stadt. Bleibt die Frage: Warum ist Manchester City eigentlich so unbeliebt?
Es beginnt im September 2008. In Manchester beginnt eine neue Zeitrechnung. Ein Konsortium aus dem Golfstaat Abu Dhabi übernimmt den vom windigen thailändischen Geschäftsmann und Milliardär Thaksin Shinawatra finanziell fast zu Grunde gerichteten Verein. Für umgerechnet 185 Millionen Euro. Mit der Übernahme durch die Abu Dhabi-United-Gruppe von Scheich Mansour bin Zayed al Nayhan, geboren 1970, wird in Manchester neu gerechnet. „Scheich Mansour liebt Fußball und er glaubt, dass Manchester City ein schlafender Riese ist“, kündigt sein Statthalter Khaldoon Al Mubarak Großes an. Absolut. Wer, wenn nicht der Scheich?

„Die Dinge zwischen City und dem Erzrivalen Manchester United könnten sich ändern“, mutmaßt man am Tag der Übernahme in den großen britischen TV-Nachrichtensendungen. Nicht zu Unrecht, wie sich sehr bald herausstellen wird. Die Fans der Premier-League-Gegner merken schnell, was für eine finanzielle Übermacht auf sie zurollt. Die Anhänger des FC Chelsea legen vor dem ersten Duell mit dem „neuen“ Manchester City rasch eine Collage mit einer fiktiven 500-Milliarden-Pfund-Note, dem Konterfei des Scheichs und dem Vereinslogo auf den Farbkopierer – und schwenken die falschen Scheine aus Protest. Dumm nur, dass ihr eigener Verein bereits seit 2003 Eigentum des mächtigen russischen Öl-Milliardärs Roman Abramowitsch ist…

Von wegen Proteste: City-Fans danken dem Scheich

Die Anhänger von Manchester City haben keinen Anlass zur Palastrevolte. Protestmärsche und Dauerkarten-Verbrennungen wie sie bei der berühmt-berüchtigten Übernahme ihres Erz- und Stadtrivalen United durch die US-amerikanische Familie Glazer im Jahr 2005 zu sehen waren, bleiben aus. Dave Wallace ist Anfang 70, gibt seit 1988 das Fanzine King of the Kippax – so hieß die legendäre Tribüne im alten Stadion an der Maine Road – heraus. In einem SPIEGEL-Interview spricht Dave im Dezember 2017 das aus, was viele City-Anhänger denken. „Der Verein befindet sich nicht in einer Identitätskrise“, sagt Wallace, „als der Scheich kam, waren wir am Ende, sportlich – und auch wirtschaftlich. Alles ging den Bach runter. Und jetzt spielen wir diesen wunderbaren Fußball. Dafür müssen wir dankbar sein. Das sehen die meisten Fans so.“ Schuldgefühle sind den City-Anhängern wie Wallace fremd: „Ich weiß, dass wir uns schuldig fühlen sollten, weil wir im Lotto gewonnen haben, wie die United-Fans sagen. Tun wir aber nicht. Es ist ganz einfach: Fußballfans wollen, dass ihre Mannschaft gewinnt.“

In Manchester City steckt auch viel Brit Pop

Im Etihad Stadium hängen Banner, die die Leidensfähigkeit der City-Fans spielerisch zum Ausdruck bringen. Some might say, we will find a brighter day, ist nur eine von vielen Anleihen bei Manchesters berühmtester Band Oasis. Die Radaubrüder Liam und Noel Gallagher haben im Stadion schon lange vor dem Einstieg des Scheichs eine Loge. Die Oasis-Jungs sind die bekanntesten, aber sicher nicht die einzigen Promi-Fans der Himmelblauen. Der The-Cult-Gitarrist Billy Duffy, der The-Fall-Frontmann Mark E. Smith oder der ehemalige Schlagzeuger Alan „Reni“ Wren von The Stone Roses gehören ebenfalls zum exklusiven Kreis der Himmelblauen. Manchester rockt im Rhythmus der Citizens. Rund um den bereits 1980 verstorbenen Joy-Division-Sänger Ian Curtis und der 1999 einem Herzanfall erlegene New-Order-Produzent Rob Gretton trifft man sich in den legendären Manchester Szene-Clubs wie The Haçienda. Später sind auch Mitglieder der Band Doves und Badly Drawn Boy als Dauerkarteninhaber im Fokus der Fotografen. Badly Drawn Boy, Doves und natürlich Oasis sorgen mit ihren Konzerten 2003 für den gebührenden musikalischen Abschied von der Maine Road.

Schon allein wegen dieser Querverbindungen, über die man in Manchester immer ins Gespräch kommt, lohnt sich eine Fußballreise in die Stadt mit den zwei Großklubs. (Fußballreisen England)

Die Hacienda ist zwar schon lange dicht, aber Manchester hat eine Menge an guten Locations für Live Music zu bieten. The Ritz in der Withworth Street oder das Night and Day Café, 26 Oldham Street, wo auch The Smiths‘ Gitarrist und Local Hero Johnny Marr auftritt, ist seit 1991 ein Hotspot. Wer nur nach dem Fußball sein Bier trinken will, wird rund ums Etihad enttäuscht sein. Erst gut zehn Gehminuten entfernt liegt das Bradford Inn, 112 Bradford Road. Es sieht von außen etwas abgewrackt aus, doch ein Biergarten und die für Großbritannien obligate Live Music laden zum Verweilen ein.

Auch City hat Geschichte geschrieben

Beginnend mit dem 13. Mai 2012, dem Tag, an dem Manchester City erstmals nach 44 Jahren wieder englischer Meister wird und den ersten von vier Premier-League-Titeln holt, ändern sich die Machtverhältnisse. Unter Pep Guardiola holt City in der Saison 2017/2018 die Rekord-Zahl von 100 Punkten („The Centurions“), im Jahr 2020 liegt der Marktwert des Star-Ensembles bei 1,29 Milliarden Euro. Bei allem verständlichen Ärger um die Neureichen aus dem Etihad Stadium: Auch Manchester City hat die Premier League geprägt und für das dramatischste Saisonfinale aller Zeiten gesorgt: Zwei Tore von Edin Dzeko und Sergio Agüero gegen die Queens Park Rangers machen City am 13. Mai 2012 zum Meister – und den angeblichen Gefühlsfriedhof, gegen den selbst Pep Guardiola mitunter mosert, zum Tollhaus. „Es war kein gewöhnliches Spiel“, sagt City-Fan Mishka Henner, „es war das Spiel, in dem Jahrzehnte voller Frust beendet werden sollten.“

„Video killed the Guardiola-Stars“

Stimmt. Die Emotionen, die an diesem auch für mich persönlich unvergesslichen Arbeitstag überschäumen, vergisst du nie. Ebenso wenig wie den Abend im April 2019, an dem es in Manchester heißt: „Video killed the Guardiola Stars“. Ein vom Video-Beweis zurückgenommenes Tor gegen Tottenham Hotspur (4:3 / 0:1) verhindert Manchester Citys Einzug ins Champions-League-Halbfinale. Allein deshalb lohnt es sich, in dieser Saison noch einmal den Zauber der Europacup-Nächte in Manchester einzufangen.
Die Bilder mit dem verzweifelten Pep Guardiola an der Seitenlinie zeigen: Scheich-Geld hin, angeblich fehlende Emotion im Etihad Stadium her, so ein Drehbuch lässt sich nicht schreiben – und auch nicht kaufen.

Der Autor: Carsten Germann berichtet seit 2002 aus erster Hand über den englischen Fußball, u. a. für DIE WELT, BILD am SONNTAG und seit 2018 als leitender Redakteur bei Ligalive.net. Zudem gab er mit den Büchern Football’s home (2007) und Absolute Dynamite! (2010) zwei Sammelbände mit seinen Fußball-Reiseerlebnissen aus Großbritannien heraus. Für DIE FUSSBALLREISE schreibt er regelmäßig über den Insel-Kick.

Foto: Auf Champions-League-Abende wie im Bild am 21. November 2017 gegen Feyenoord Rotterdam werden die Fans von Manchester City lange verzichten müssen…
Credit: Shutterstock

 

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