Premier League Offside – Folge 14

Carsten Germann

Autor: Carsten Germann
Veröffentlicht: 29.12.2020

Sonderbares aus Sunderland: Mit Jung-Investor nach oben?

Fußball-Investoren-Land England. Das Finanzierungsmodell für Vereine lässt auf der Insel die abenteuerlichsten Konstellationen zu. Neu im Konzert der Fußball-Neureichen: Der AFC Sunderland. Mit einem Bald-Eigentümer, der de jure noch in der U23 spielen dürfte…

Falls Sie zwischen den Jahren Langeweile haben sollten und die immer noch zu großen Teilen ohne Zuschauer stattfindenden Premier-League-Spiele nicht ihr Ding sind. Beim Online-Streamingdienst Netflix gibt es 2 Staffeln von Sunderland till I die.

Mit dieser Dokumentation erhofften sich die Macher wohl einen ähnlichen Effekt wie bei All or Nothing. Die Doku-Reihe gibt Einblicke in die tägliche Arbeit bei Manchester City und Tottenham Hotspur.

Aber: Bei Sunderland lief 2017/2018 gar nichts wie im Lehrfilm. Die „Black Cats“ stiegen aus der Premier League ab. Und ein Jahr später ging es – begleitet von den Kameras – sogar in die drittklassige Football League One. Damit lässt sich keine Quote machen…

Das ist eigentlich schade. 2016 durfte ich das Tyne-Wear-Derby zwischen Newcastle United und dem Erzrivalen aus Sunderland live im St. James‘ Park redaktionell begleiten. Ein zähes Spiel mit einem 1:1 war es am 20. März 2016. Aber ein Muss für jeden Fan des Insel-Kicks! Allein das Warm-up in den Kneipen, das direkt nach dem Frühstück beginnt, und die Schmähgesänge auf beiden Seiten sind die Fußballreise in den Nordwesten Englands wert. Das war noch zu Premier-League-Zeiten. Und scheint inzwischen – nach 2 Abstiegen und der Corona-Pandemie – Lichtjahre entfernt zu sein.

Kultklub bei Netflix: Sturz in die 3. Liga als Dokumentation!

„Sunderland ist ein Scherbenhaufen“, lautete der passende Kommentar in der Dokumentation zur Gesamtsituation damals. „Es herrscht Chaos und man muss leiden und Opfer bringen“, erklärt der 2017 als Coach engagierte ehemalige Nationaltrainer von Wales, Chris Coleman in der Doku. „Letzten Endes könnte es zu etwas ganz Großem führen“, sagt der Waliser. Er irrte sich. Coleman, bei der EURO 2016 sensationell mit Wales im Halbfinale, war das erste Opfer des Eigentümerwechsels. Nach dem Sturz in die Drittklassigkeit übernahm der englische Fußball-Unternehmer Stewart Donald die „Black Cats“. 2019 verpasste der Klub, für den u. a. Brian Clough, Kevin Phillips, Tore Andre´Flo und Thomas Helmer spielten, die Aufstiegs-Playoffs zur Championship. Trübe Aussichten.

„Ich glaube, dass der AFC Sunderland eine Zukunft hat“, sagt Donald bedeutungsschwer in der Dokumentation. Offenbar war er davon nicht so richtig überzeugt. Fast ein Jahr versuchte Stewart Donald, seine Anteile am AFC zu veräußern. Nun scheint er einen Abnehmer gefunden zu haben.

Ein neuer Fußball-Macher namens Louis-Dreyfus

Sein Name: Kyril Louis-Dreyfus (22). Der Yuppie-Milliardär stammt aus einer schillernden Familie. Kyril Louis-Dreyfus ist der Sohn des 2009 verstorbenen Fußball-Machers Robert Louis-Dreyfus († 63). Er war der ehemalige Besitzer der französischen Klub-Skandalnudel Olympique Marseille. Und offenbar auch ein Strippenzieher des WM-„Sommermärchens“ 2006. Dreyfus gewährte dem damaligen OK-Chef Franz („Franz“) Beckenbauer im August 2002 ein Darlehen in Höhe von 10 Millionen Schweizer Franken. Wofür Beckenbauer das Geld verwendet hat, darüber schweigt sich der „Kaiser“ bis heute aus. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt geht davon aus, dass das Geld nicht mit Blick auf die Vergabe der Weltmeisterschaft zum Einsatz kam. Wie auch immer.

Übernahme im Januar 2021 scheint reine Formalität zu sein

Kyrils Mutter Margarita Louis-Dreyfus gehört laut Forbes zu den 100 einflussreichsten Frauen der Welt. Ihr Vermögen wird auf etwa 5,5 Milliarden Dollar geschätzt. Ihr Sohn hat den AFC Sunderland im Dezember 2020 ins Visier genommen. Der Vertrag über die Übernahme des AFC ist noch nicht unterzeichnet. Die English Football League muss noch zustimmen. Das dürfte aber reine Formsache sein. Und im Januar 2021 vollzogen werden.

Der Klub-Besitzer in spe hat ehrgeizige Pläne mit dem leck geschlagenen AFC Sunderland. In der Football League One dümpelt der 6-malige englische Fußballmeister im Niemandsland. Stand 31. Dezember 2020: Platz 11. Für den Jung-Milliardär Louis-Dreyfus offenbar ein Ansporn.

„Ich kann es kaum erwarten, bald loszulegen, und ich glaube, dass wir den Sunderland AFC zurück an die Spitze des englischen Fußballs führen können“, sagte Dreyfus kurz vor Weihnachten 2020. Er wolle „ein Team schaffen, das unterhaltsam spielt.“ Sein Wunsch für 2021: „Die Fans sollen das Team wieder lieben. Inmitten einer Pandemie bin ich mir der schwierigen Situation des Klubs bewusst. Doch ich bin fest davon überzeugt, dass ich Sunderland wieder in die Spitzengruppe des englischen Fußballs führen kann.“

Ein „Übernahme-Wunder“ mitten in der Pandemie?

Ob das reine Lippenbekenntnisse sind oder ob „KLD“ in Sunderland wieder die Sonne scheinen lassen kann, wird sich zeigen. Der Deal soll britischen Medienberichten „nicht vor Mitte Januar 2021“ abgesegnet sein. Bis dahin darf in Sunderland eher gehofft als geträumt werden. Die leidgeprüften Fans – Hauptdarsteller in der besagten Netflix-Doku – sehen die (bevorstehende) Übernahme als „Weihnachts-Wunder“. Mitten in der Corona-Pandemie. „Das ist der Start einer neuen Ära“, jubelte AFC-Fan Joshua Kell, „lasst es uns dieses Mal richtig machen.“ Rory Fallow sagt: „Es ist eine Erleichterung für uns, weil es nach Übernahme und nicht nach purem Investment klingt.“ Adam James Cain: „Sunderland hat uns allen ein wunderbares, vorzeitiges Weihnachtsgeschenk beschert.“

Chelsea, Man. City und Co.: Der Erfolg gibt dem „Investoren-Modell“ in England Recht

Diese Reaktionen der Fans gab es bei Investoren-Ankunft ober –wechsel in England fast immer. In Leicester werden sie den am 27. Oktober 2018 am King Power Stadium bei einem Helikopter-Absturz getöteten Eigentümer Vichai Srivaddhanaprabha († 60) nie vergessen. Der Duty-Free-Shop-Milliardär aus Thailand machte Leicester City mit seinem Geld 2016 zum größten Überraschungsmeister der Premier-League-Historie. Beim FC Chelsea, wo der russische Öl-Milliardär Roman Abramowitsch am 1. Juli 2003 aufschlug, hat es seitdem nur wenig Grund zur Beschwerde gegeben. Unter der Ägide des stillen Russen holten die „Blues“ nämlich seitdem (u. a.) 5 Premier-League-Titel und 3 Europapokale. Auch bei Manchester City war das Gejammer nach dem Einstieg der City Football Group aus den Vereinigten Arabischen Emiraten überschaubar. Die „Citizens“ – 1998 ebenfalls in die 3. Liga abgestiegen – kauften seitdem nicht nur Stars en Masse. Sie beendeten 2012 im wohl dramatischsten Premier-League-Finale aller Zeiten den 44 Jahre währenden Meister-Fluch. 3 weitere Meistertitel (zuletzt 2019) und 5 Ligapokal-Trophäen folgte. Fan-Wut über die in Deutschland mehr als kritisch beäugten Investoren? Definitely maybe!

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Foto: Sunderland: Gibt es im Stadium of Light endlich die Zeitenwende
Fotorechte: Lizenzfreie Stockfoto-Nummer: 1333218269

Der Autor: Carsten Germann berichtet seit 2002 aus erster Hand über den englischen Fußball, u. a. für DIE WELT, BILD am SONNTAG und seit 2018 als leitender Redakteur bei Ligalive.net. Zudem gab er mit den Büchern Football’s home (2007) und Absolute Dynamite! (2010) zwei Sammelbände mit seinen Fußball-Reiseerlebnissen aus Großbritannien heraus. Für DIE FUSSBALLREISE schreibt er regelmäßig über den Insel-Kick.

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