Premier League Offside – Folge 13

Carsten Germann

Autor: Carsten Germann
Veröffentlicht: 19.11.2020

„Stop the Count“: Fußballmärchen des FC Southampton mitten im Lockdown

Die „Saints“ mit dem österreichischen Trainer Ralph Hasenhüttl mischen die Premier League gehörig auf. Für zwei Nächte waren sie sogar Tabellenführer. Klingt wie ein zweites Leicester-Wunder. Dabei konnten die Voraussetzungen eigentlich nicht ungünstiger sein.

Als Ralph Hasenhüttl (53) am 6. Dezember 2018 in der Premier League aufschlug, gab es durchaus Skepsis. Ein Österreicher erstmals als Coach in der englischen Fußball-Eliteklasse. Konnte das gut gehen? Bei einem Klub, bei dem es seit 2016 kein Trainer länger als 264 Tage ausgehalten hatte! Und der auf Rang 19 dem sicheren Abstieg entgegen steuerte.

Ausgerechnet ein Österreicher sollte die sportlich schwer angeschlagenen „Saints“ retten? Noch dazu einer mit einem für englische Verhältnisse schwer auszusprechenden Namen! Dass Jürgen Klopp die Bedeutung des Namens des Grazers auf seine eigene Weise erklärte, wurde lächelnd zur Kenntnis genommen. „Hase is the rabbit and Hüttl means nothing“, übersetzte Klopp. Gewohnt ironisch-intelligent.

„I‘ ll give it to Hasenhüttl“

Ein paar Wochen später brauchte es keine Übersetzung mehr. Die Fans des FC Southampton hatten Hasenhüttl kurz vor Weihnachten 2018 ins Herz geschlossen. „Last Christmas, I gave you my heart“, trällerten sie nach der Melodie des scheinbar unkaputtbaren, gleichnamigen Weihnachts-Klassikers von Georg Michael und Andreas Ridgley. „But the very next day“, um im Text zu bleiben, „you gave it away. This year, to save me from tears, I’ll give it to Hasenhüttl.“ Mehr Anerkennung kann ein Trainer-Rookie kaum erfahren, wenn die „Terraces“ ihn so feiern. Hasenhüttl verbeugte sich. Sichtlich gerührt. Es gelang ihm, den Klub von der Südküste vor dem Abstieg zu retten. Southampton schloss die Saison 2018/2019 auf Rang 16 und damit über dem Strich ab.

Kein Witz: Ein 0:9 war die Wende!

Und doch schien am 25. Oktober 2019 alles vorbei zu sein. Der FC Southampton hatte beim 0:9 gegen Leicester City die höchste Niederlage der Premier-League-Geschichte kassiert. Normalerweise hat ein Coach nach so einer Pleite keine Argumente mehr. Hasenhüttl blieb. Obwohl drei weitere Niederlagen in Folge sich anschlossen, hielten die Bosse in Southampton an ihm fest.

Wie wir heute wissen, war es für den Ex-Leipzig-Coach die Wende zum Guten. „Es war ein gutes Ergebnis, um alles zu hinterfragen“, erklärte Hasenhüttl in einem SPORT BILD-Interview (Ausgabe 47 / 2020). „Wir hatten zwischenzeitlich den Glauben an unsere Qualitäten verloren. Jetzt spielen wir nicht mehr so passiv. Wir haben uns in jedem Bereich unseres Spiels verbessert.“ Konkret meinte der „Alpen-Klopp“ die erhöhte defensive Stabilität. In der Saison 2020/2021 kassierten die „Saints“ in den ersten 8 Spielen nur 12 Gegentore. Das ist der beste Wert hinter dem Spitzenduo Leicester City und Tottenham (je 9 Gegentreffer) sowie hinter Aston Villa. Zum gleichen Zeitpunkt waren sie mit 9 Punkten zweitbestes Heim-Team hinter Meister FC Liverpool.

Southampton profitierte wie kaum ein anderes PL-Team vom Lockdown

Wirklich in Klausur gingen Hasenhüttl und sein Team während des (ersten) Corona-Lockdowns im Frühjahr 2020. „Wir hatten Zeit, unsere Saison zu analysieren und die richtigen Schlüsse zu ziehen“, so Hasenhüttl, „danach sind wir fitter und vor allem fußballerisch wesentlich stärker zurückgekommen. Der Klassenerhalt war sicher, und so konnten wir frei aufspielen. Ohne den ganz großen Druck und ohne Zuschauer haben wir mehr Risiko genommen – und am Ende davon profitiert.“

Seinem Team hat Hasenhüttl eine simple Formel mit auf den Weg gegeben. „Ich habe den Jungs gesagt: Wir wollen wie Piraten sein, die in dieser Saison das Ziel haben, die wohlhabende Elite immer wieder zu plündern.“ Den vorläufigen Gipfel dieser neuen Euphorie und Mentalität erlebte Southampton am 6. November. 2:0 gegen Newcastle United, Tabellenführer. Zum ersten Mal in der Premier League. „Stop the Count“, twitterte man voller Freude beim Überraschungs-Tabellenführer. Ganz ehrlich: Das ist britischer Humor, wie ich ihn mag! Eine Anleihe auf den inzwischen abgewählten US-Präsidenten Donald Trump. Der hatte gefordert, die Wahl-Auszählungen zu stoppen.

Klubs von Null auf 100 führen – Das kann Hasenhüttl!

Platz 1 für zwei Nächte. Das war Hasenhüttel schon fast wieder zu viel Rummel. Die Steirer lieben es halt a bisserl gemütlicher. „Ich bin eigentlich nicht unglücklich darüber, dass wir jetzt wieder Vierter sind“, sagt der Coach, „wir können dann wesentlich ruhiger arbeiten.“ Mit dieser österreichischen Bier-Ruhe ist vielleicht am Saisonende die ganz große Überraschung drin. Hasenhüttl, den ich in Leipzig als kompetenten und immer höflichen Interviewpartner kennenlernen durfte, führte schon RBL 2017 als Aufsteiger in die Champions League.

Warum nicht auch Southampton? Das letzte Mal spielte die Mannschaft von der Südküste in der Europa-League-Saison 2016/2017 international. Unter uns: Es würde mir sehr viel Freude machen, nach dem Ende der Corona-Partie ein Spiel des FC Southampton im schmucken St. Mary’s Stadium zu besuchen. Nicht nur, um mal wieder ein paar Fragen an Ralph Hasenhüttl zu adressieren. Sondern weil das 2001 eingeweihte Stadion mit typisch-englischem Fußballflair daherkommt. Wenig Schnickschnack. In Stadionnähe gibt es einige Pubs. Das ehemalige „Cooper’s Arms“, inzwischen „The Joshua Tree“ in der Millbank Street ist fußläufig 10 Minuten vom St. Mary’s Stadium entfernt. In beinahe gleicher Entfernung: Das „Chapel Arms“. Es liegt an der Ecke Anglesea Terrace / Albert Road North. Ein kleiner Pub, vorrangig für „Saints“-Fans. Früher trug es den Namen von Southamptons Idol Matthew Le Tissier. Spitzname: Le God.

 

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Foto: Der FC Southampton 2016 in der Europa League in Mailand. Ist mit Coach Ralph Hasenhüttl 2021 sogar die „Königsklasse“ drin?

Fotorechte: Lizenzfreie Stockfoto-Nummer: 502479853 / Fabrizio Andrea Bertani

 
Der Autor: Carsten Germann berichtet seit 2002 aus erster Hand über den englischen Fußball, u. a. für DIE WELT, BILD am SONNTAG und seit 2018 als leitender Redakteur bei Ligalive.net. Zudem gab er mit den Büchern Football’s home (2007) und Absolute Dynamite! (2010) zwei Sammelbände mit seinen Fußball-Reiseerlebnissen aus Großbritannien heraus. Für DIE FUSSBALLREISE schreibt er regelmäßig über den Insel-Kick.

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