Premier League Offside: Folge 30

Carsten Germann

Autor: Carsten Germann
Veröffentlicht: 19.04.2022

Veröffentlicht in Premier League Offside

Teuerster Spieler der Premier League: An Jack Grealish scheiden sich die Geister…

118 Millionen Euro zahlte Manchester City im Sommer 2021 für Vize-Europameister Jack Grealish (26) an Aston Villa, die höchste Ablöse, die je in der Premier League ausgegeben wurde. Erfüllt hat der englische Nationalspieler die immens hohen Erwartungen im Team von Pep Guardiola (51) noch nicht – wie zuletzt das FA Cup-Habfinale am Ostersamstag zeigte.

Eine Fußballreise nach London wird durch einen Besuch im Tempel von Wembley tatsächlich erst veredelt. Allein die Stadion-Tour durch das EM-Finalstadion von 2021 lohnt sich, die Bronzestatue von Englands Weltmeister Sir Bobby Moore († 1993) ist ein beliebtes Motiv für Selfies und Erinnerungsfotos. Imposant und schon von der am nächsten gelegenen U-Bahn-Station Wembley Park und beim rund zehnminütigen Fußmarsch über den „Wembley Way“ immer im Blickfeld: Der 133 Meter hohe Stahlbogen („The Arch“), der das Stadion umspannt und sein Erscheinungsbild prägt.

Die großen Pubs an den Seiten des Stadions wie die „Bar 1996“ (Nordseite) oder das White Horse Pub (benannt nach dem legendären „White Horse Final“ 1923 mit West Ham United und den Bolton Wanderers und dem weißen, die Zuschauermassen zurückdrängenden Polizeipferd Billie) sind meist hoffnungslos überbelegt, sodass sich ein Drink vor oder nach dem Spiel einige Stationen weiter, beispielsweise in Harrow on Hill, empfiehlt, wenn man dem bei jeder Wembley-Partie gigantischen Trubel einigermaßen entgehen will.

White Horse Finale 1923

Das FA Cup Finale zwischen Bolton Wanderers und West Ham United am 28. April 1923 im ursprünglichen Wembley Stadium ging als das berühmte White Horse Finale in die Geschichte ein. Foto: Alamy - Lizenzfrei

Im Stadion findet sich die königliche Loge hoch oben auf der Nordtribüne, wo auch die Teams einlaufen. Wer dort nach einem packenden Finale die 107 Stufen zur Royal Box hoch muss, weiß, was er geschafft hat. Sir Bobby Moore oder Jürgen Klinsmann, die sich 1966 bzw. 1996 den WM- und den EM-Pokal von Queen Elizabeth II. abholten, mussten vor dem Umbau (ab 2000) nur 39 Stufen zurücklegen. Der Weg lohnt sich.

In Wembley kann Grealish nicht glänzen

Trotz allem: Die einmalige Atmosphäre des englischen Fußballtempels konnte Manchester City am Ostersamstag nicht zu beflügeln. 2:3 (0:3) verloren die „Citizens“ das FA Cup-Halbfinale gegen den FC Liverpool und Jürgen Klopp (54).

Wie auch im EM-Finale am 11. Juli 2021 gegen Italien war der englische Nationalspieler Jack Grealish in Wembley wieder nur Statist. Damals von Nationaltrainer Gareth Southgate in der Verlängerung für Mason Mount eingewechselt, vermochte Grealish es nicht, dem Spiel der „Three Lions“ noch eine Wende zu geben.

Gegen Liverpool holte er City am Ohr wieder in dieses Spiel zurück, doch vieles in seiner Performance blieb Stückwerk. Der Mann, der mit seinem Haarband und seinen weißen Fußballschuhen wie eine David-Beckham-Kopie im Social-Media-Zeitalter wirkt, erzielte das 1:3 für Manchester. Überzeugen konnte er dennoch nicht. „Grealish war praktisch die komplette erste Halbzeit nicht zu sehen“, analysierte der frühere Premier-League-Trainer David Wagner bei DAZN.
„Mehr Sorge als Freude“ für Manchester City?

Und er hat Recht. Der teuerster Fußballer der Premier-League-Historie „bereitet Manchester City mehr Sorge als Freude“, wie Keir Radnedge bereits am 13. Januar 2022 im Kicker-Sportmagazin schrieb. Von den Leistungsdaten her passt dieses Urteil immer noch.

Gala-Auftritte bei Manchester City mit Jack Grealish, wie im Bild gegen Brighton

Gala-Auftritte bei Manchester City mit Jack Grealish, wie im Bild gegen Brighton & Hove Albion, gibt es in der Premier League zu selten. Foto: Alamy

Grealish hat in der Premier League 2021/2022 bisher 21 Spiele (Stand aller Daten: 21. April 2022) gemacht, davon aber nur 11 über die vollen 90 Minuten. Seit dem ominösen 7:0 gegen Leeds United am 14. Dezember 2021, das Grealish gemeinsam mit dem während der EURO als „Paul Gascoigne-Double“ mit blond gefärbten Haaren agierenden Nationalmannschaftskollegen Phil Foden über die Maßen feierte, und bei dem er am nächsten Morgen offenbar noch mit Rest-Alkohol zum Training kam, ist er ohne Tor-Beteiligung.

„Mit solch undiszipliniertem Verhalten ist Grealishs Gesamtnote maximal noch eine 4“, konstatiert Radnedge, „zumal er die Schlagzeilen auch zuletzt durch eher Privates als durch Sportliches füllte.“

Das tat David Beckham auch, schon allein durch seine Liaison mit der Sängerin Victoria Adams („The Posh“), aber bei „Becks“ hat die Leistung fast immer gestimmt. Das „Triple“ mit Manchester United 1999 holte er auf dem Gipfelpunkt seiner Popularität und der Flankengott akzeptierte immer auch, dass das Spiel mit den Medien zu einem Fußballprofi dazugehört.

Grealish scheint sich dieser Verantwortung im fortgeschrittenen Fußballer-Alter (noch) nicht bewusst zu sein.

Guardiola kritisiert Grealish – und wirbt um Geduld

Aber: Bei Beckham war es so, dass sein Trainer-Übervater Sir Alex Ferguson (80) bedingungslos auf ihn setzte. Diesen Eindruck hat man bei Guardiola nicht. Besonders er lässt sich weder sein taktisches Konzept noch seine Hierarchie auf dem Platz von einem einzelnen Spieler kaputtmachen. Wie er reagiert, wenn das passiert, davon konnte sich die Fußball-Welt 2009/2010 bei seiner legendären Fehde mit Zlatan Ibrahimovic (40 / „Dieser Philosoph fing an zu quatschen und ich habe ihm nicht zugehört“) überzeugen.
Pep Guardiola hat schon zu einem sehr frühen Saison-Zeitpunkt Zweifel an Grealishs Einstellung geäußert. „Ich weiß nicht, ob er die Top-Mentalität von Raheem Sterling hat“, sagte der spanische Coach Ende August 2021.

Steht nicht immer zu 100% hinter Jack Grealish - Man City Trainer Pep Guardiola

Steht nicht immer zu 100% hinter Jack Grealish - Man City Trainer Pep Guardiola - Foto: Shutterstock

Sein Wortgefecht mit Grealish am Spielfeldrand beim 6:3 in der Champions League gegen RB Leipzig erinnerte an die verbalen Scharmützel mit Ibrahimovic in Barcelona. Doch der Pep wäre nicht Guardiola, wenn er nicht öffentlich auch um Geduld für Grealish werben würde. „Er muss nicht unbedingt ein Tor erzielen. Er muss sich anpassen, seinen Beitrag leisten und der Mannschaft helfen, Spiele zu gewinnen“, so Guardiola nach dem dünnen 1:0 gegen Wolverhampton Wanderers im Dezember 2021, „Wenn man auf und neben dem Platz 100 Prozent gibt, kommt der Rest von allein. Das ist kein Problem.“

Ein Rucksack mit 118 Mio. Euro

Offenbar doch. Mitte Dezember hatte Jack Grealish in 14 Liga-Spielen gerade mal 4 Scorer-Punkte verbucht (2 Tore, 2 Vorlagen), das waren schon im Januar 2022 und vor der Champions-League-Finalrevanche gegen den FC Chelsea (1:0) 9 Zähler weniger als zum gleichen Saison-Zeitpunkt 2020/2021 bei Aston Villa. Damals lieferte der Linksaußen fünf Tore und steuerte 8 Vorarbeiten bei „Villa“ bei. Es ist bezeichnend, dass er in der Liga seitdem ohne Torerfolg ist, aber auch ohne Bindung zum City-Spiel zu sein scheint.

Jack Grealish im Trikot von Aston Villa

Jack Grealish in seiner letzten Saison für Aston Villa. Foto: Shutterstock

International sieht es für den 118-Millionen-Mann, der Romelu Lukaku (Chelsea, 113 Mio. Euro) als teuersten Premier-League-Wechsel ablöste, ebenfalls mau aus. Sechs Spiele absolvierte Grealish in der Champions League, dabei nur 22 Spielminuten im Kalenderjahr 2022. In den beiden Achtelfinal-Spielen gegen Sporting Lissabon (5:0 / 0:0) strich ihn Guardiola aus dem Kader bzw. setzte ihn im sportlich bedeutungslosen Re-Match im Etihad Stadium nicht ein.

Das Trikot mit der magischen Nummer 10 erweist sich für Jack Grealish bei Manche

Das Trikot mit der magischen Nummer 10 erweist sich für Jack Grealish bei Manchester City noch als schwere Bürde. Foto: Shutterstock

Man hat bei Jack Grealish irgendwie das Gefühl, dass die 118 Mio. Euro im Gepäck schwerer zu bewältigen sind, als der Druck von 99.000 stimmgewaltigen Zuschauern in Wembley.

 

Carsten GermannDer Autor: Carsten Germann berichtet seit 2002 aus erster Hand über den englischen Fußball, u. a. für DIE WELT, BILD am SONNTAG und seit April 2021 auch als leitender Redakteur beim Portal Fussballdaten.de. Zudem gab er mit den Büchern Football’s home (2007) und Absolute Dynamite! (2010) zwei Sammelbände mit seinen Fußball-Reiseerlebnissen aus Großbritannien heraus. Für DIE FUSSBALLREISE schreibt er regelmäßig über den Insel-Kick.

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