Premier League Offside – Folge 6:

Carsten Germann

Autor: Carsten Germann
Veröffentlicht: 03.03.2020

West Ham United: Wir brauchen Euch in der Premier League!

West Ham United hat dem FC Liverpool alles abverlangt – am Ende steht für die tapferen „Hammers“ dennoch ein 2:3. Das Lob, das die Mannschaft aus dem Londoner East End für die unermüdliche Leistung beim designierten Meister erhalten hat, ist im Abstiegskampf schön, aber unter dem Strich nicht viel wert.

Dabei braucht die Premier League West Ham! Das wird jetzt viele Leser verwundern, doch es ist so.

Ein Denkmal für die Weltmeister – Ein Muss bei jeder London-Reise!

Wer sich schon mal im East End herumgetrieben hat, zwischen der Green Street und dem 2003 errichteten Denkmal für West Hams Weltmeister Bobby Moore, Sir Geoff Hurst, Martin Peters und Ray Wilson, an der Central Park Road, spürt den Kult. In den Kneipen unweit des inzwischen abgerissen Boleyn Ground, wo West Ham United bis zum Umzug ins Londoner Olympiastadion 2016 viele Gegner das Fürchten gelehrt hat, erzählt man dir schon um die Mittagszeit die größten Geschichten des englischen Fußballs.

London Stadium - West Ham United
London Stadium - die neue Heimat von West Ham United

Bei West Ham kriegst du immer Tickets!

Von den beiden Wembley-Finals 1965 gegen 1860 München (2:0) im Pokalsieger-Wettbewerb und natürlich 1966 bei der Weltmeisterschaft gegen Deutschland (4:2 n. V.) bis zum allerletzten Spiel gegen Manchester United, als am 10. Mai 2016 nach 2.398 auf diesem Ground absolvierten Partien endgültig Schicht war. Lässt sich schwer beschreiben, muss man erlebt haben!
Seit dem Umzug ins Olympiastadion (London Stadium) haben sich die Dinge bei West Ham United geändert. Kein einziges Premier-League-Spiel in der wenig stimmungsvollen Arena ist seitdem ausverkauft gewesen – trotz einer Steigerung der Gesamt-Zuschauerzahl um mehr als 400.000 Besucher!

Ein Abstieg wäre für West Ham vermutlich fatal

Und diesem Klub soll man ernsthaft nachtrauern? „Ja“, sagt beispielsweise Liverpool-Legende Danny Murphy, „denn will man sich dieses Stadion in der Championship halb leer vorstellen?“ Eher nicht.

Murphy gehört – wie ich übrigens auch – nicht zu den Vertretern der These, dass ein Abstieg einen Reinigungsprozess oder gar einen Segen für einen Klub mit sich bringt. Erst recht nicht in der Premier League, wo zwischen der englischen Fußball-Eliteliga und der keineswegs schlecht besetzten Championship allein finanziell schon Welten liegen. Das gilt auch für West Ham. Für die „Hammers“ wäre ein Abstieg desaströs. 2005 sind sie nach zwei bitteren Jahren in der Zweitklassigkeit relativ schnell wieder ins „Land der Reichen“, wie ich damals für DIE WELT titeln durfte (Wobei diese Zeile bis heute stimmt…), zurückgekehrt. Aber ob es ihnen dieses Mal wieder gelingt? Der Konkurrenzkampf in der Championship ist hart und so mancher Ex-Premier-League-Klub hat sich auf Dauer aus dem „Oberhaus“ verabschiedet.

Schlagen Sie nach bei Derby County! Der englische Meister von 1972 und 1975 ist seit 12 Jahren nicht mehr erstklassig. Leeds United, das 2001 die Champions League gerockt hat, ist seit 16 Jahren nicht mehr dabei, Sheffield Wednesday gar seit 20 Jahren weg vom Premier-League-Schaufenster. „Es gibt keine Garantie für einen direkten Wiederaufstieg“, sagt Danny Murphy – und er hat völlig Recht. Deshalb braucht West Ham die Premier League und die Premier League braucht West Ham.

Legendäre Londoner Rivalitäten mit Tottenham und Millwall

Auch und gerade aufgrund der vielen Londoner Derbys, die https://www.die-fussballreise.de/premier-league/ Fußballreisen in die britische Hauptstadt zu etwas Besonderem machen. Intensiv ist die Rivalität mit den Tottenham Hotspur und dem FC Millwall, deren Stadien an der White Hart Lane und an der Cold Bow Lane 15 bzw. 10 Kilometer Luftlinie nördlich bzw. südlich, am anderen Ufer der Themse, vom alten Upton Park entfernt sind. So lange West Ham im Boleyn Ground spielt, wird das Weltmeister-Denkmal bei Spielen gegen die „Spurs“ oder auch gegen Millwall in weiser Voraussicht mit schützenden Holzplatten abgedeckt. Die Rivalität mit Tottenham lebt auch von den Transfers zwischen beiden Klubs. Spieler wie Michael Carrick, Martin Peters oder Jermaine Defoe wechselten in einem Akt unglaublicher Loyalität direkt zum Erzrivalen von der White Hart Lane. Die Abneigung gegenüber dem FC Millwall („No one likes us, we don’t care!“) ist noch tiefgründiger, da beide Klubs aus dem Umfeld von großen lokalen Unternehmen kommen und die Arbeiter teilweise in den gleichen Vierteln lebten. Mehr Working Class kriegst du als London-Reisender eigentlich nicht!

Transfer-Flops – neu definiert!

West Ham United – Welcher Klub würde sonst das Klischee vom „Big Spender“ im englischen Fußball-Oberhaus besser ausfüllen können als der früher so sparsame Klub aus dem East End? Seit 2018 hat West Ham vier Mal seinen Transfer-Rekord für Zugänge gebrochen – für vier Spieler, die zusammen 120 Millionen Euro gekostet haben. Allerdings gehen Pablo Fornals, für 28 Millionen Euro vom FC Villarreal aus Spanien geholt, und der Ex-Dortmunder Andrii Yarmolenko mit gemeinschaftlich fünf Toren als saubere Transfer-Flops durch. Auch der bei Eintracht Frankfurt mit der „Büffelherde“ im letzten Jahr in der Europa League gefeierte Sebastién Haller, teuerster Einkauf in West Hams Klub-Historie, wirkt mit sechs Treffern aus 25 Spielen ein wenig allein im East End.

West Ham United hatte immer auch irre Paradiesvögel

Auch ist West Ham dafür bekannt, schwierigen Charakteren ein Zuhause zu geben. Marko Arnautovics Dienste waren den „Hammers“ 2018 nach dem Abstieg von Stoke City immerhin 22,5 Mio. Euro wert. 2003 wird sogar einer von den Fans ins „Dream Team“ des Vereins gewählt, der möglicherweise mit dem Kopf an den Hammer gestoßen ist. Es ist der bekennende italienische Faschist Paolo di Canio, der im Januar 1999 nach einer Elf-Spiele-Sperre nach einem tätlichen Angriff auf den Schiedsrichter Paul Alcock bei den „Hammers“ eine neue Chance erhält. In vier Jahren bei West Ham zeigt di Canio, dass er bei aller Verrücktheit und ungeachtet seiner indiskutablen politischen Ansichten ein fairer Sportsmann sein kann.
Diese solide Sechzigerjahre-Nostalgie, die treuen Fans aus dem East End und verrucht-verrückte Stars machen West Ham United zu einem Farbtupfer in der Premier League. Langweilige Klubs gibt es auch auf der Insel zur Genüge.

Der Autor: Carsten Germann berichtet seit 2002 aus erster Hand über den englischen Fußball, u. a. für DIE WELT, BILD am SONNTAG und seit 2018 als leitender Redakteur bei Ligalive.net. Zudem gab er mit den Büchern Football’s home (2007) und Absolute Dynamite! (2010) zwei Sammelbände mit seinen Fußball-Reiseerlebnissen aus Großbritannien heraus. Für DIE FUSSBALLREISE schreibt er regelmäßig über den Insel-Kick.

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