Goodbye, Goodison Park: Was passiert mit dem Everton Stadion?

Carsten Germann am Millerntor

Author: Carsten Germann
Published: 10.06.2025

Veröffentlicht in Lost Grounds,

Seit dem 18. Mai 2025 gehört auch der Goodison Park des FC Everton zu den Lost Grounds in Großbritannien. Das traditionsreiche Stadion war bereits 1886 eröffnet worden und steht für lebendige, englische Fußballkultur. 

Alles begann mit einem Streit. Nach Differenzen mit einem gewissen John Houlding (1833 – 1902), seines Zeichens Bürgermeister der Stadt Liverpool und später Gründer des Liverpool Football Club, verließ der FC Everton pikiert 1882 seine bisherige Heimstatt an der Anfield Road und zog um.

Nur eine Meile, also fünf Minuten Fußweg, auf der anderen Seite des Stanley Park, baute man ein neues Stadion, den Goodison Park.

Schon 1894 war Goodison, damals mit einer Zuschauer-Kapazität für 37.000 Menschen, erstmals Austragungsort des englischen FA Cup-Finales. Notts County gewann 4:1 gegen die Bolton Wanderers.

Die Erweiterung der Tribüne an der Gwladys Street machte den Goodison Park 1938 zum ersten Stadion, das über zweigeschossige „Stands“ auf allen vier Seiten verfügte.

Die meisten Zuschauer erlebte Goodison im Jahr 1948, als 78.299 den Ground zum Merseyside-Derby gegen den LFC (1:1) fluteten. 

Für die deutsche Nationalmannschaft wurde Everton bei der WM 1966 in England zum Sehnsuchtsort: 2:1 im Halbfinale gegen die UdSSR. In keinem anderen englischen Stadion fanden mehr WM-Spiele statt als in Goodison (5). 

Weniger Glück hatte Borussia Mönchengladbach. „Die Fohlen“, die 1973 und 1977 im UEFA-Pokal und im Meistercup in den Finals an Evertons Erzrivale FC Liverpool scheiterten, verloren im Viertelfinale im Europapokal der Meister von 1970 das erste Elfmeterschießen in der Geschichte des Europacups mit 3:4. 

Von 1970 bis 1974 durfte sich der FC Everton rühmen, mit der drei Ränge umfassenden Haupttribüne (Main Stand) die größte Zuschauertribüne in Englands zu haben. 

Soweit der Ausflug in die ruhmreiche Vergangenheit der „Grand Old Lady“, der großen alten Dame unter den englischen Stadien.

Everton Goodison Park Farewell

18. Mai 2025: Ein letztes Mal erwarten die Fans des FC Everton ihr Team vor dem Goodison Park. Die traditionsreiche Arena erlebte 122 Jahre Erstliga-Fußball in England. Foto: Imago Images / Visionhaus

Goodison Park: 122 Jahre erste Liga 

Zurück in die Zukunft: Ab Sommer 2025 spielt der FC Everton etwas mehr als zwei Meilen von seiner alten Heimat entfernt im neu erbauten Hill Dickinson Stadium. Es wurde an den Bramley-Moore-Docks gebaut und kostete 800 Millionen Pfund. 

Das Heimspiel am 18. Mai 2025 gegen Absteiger FC Southampton beendete die 122. und letzte Spielzeit des FC Everton im Goodison Park.

In keinem anderen Stadion wurde häufiger erste englische Liga gespielt. 

Acht seiner neun englischen Meistertitel hat Everton hier gewonnen und 1994 verhinderte man mit einem epischen 3:2 gegen den FC Wimbledon nach 0:2-Rückstand in Goodison den Abstieg aus der Premier League

Vor diesem Spiel suchten einige Fans rund um das in engen Straßen mit charakteristischen englischen Backstein-Reihenhäusern gelegene Stadien Beistand in der St. Luke’s Church, in der Kirche des heiligen Lukas der Evangelisten, direkt hinter der Tribüne Gwladys Street. 

Dieses Spiel habe ich 2007 auch in meinem Buch Football’s home – Geschichten vom englischen Fußball (Verlag: DIE WERKSTATT) beschrieben. Ein zeitloser Premier-League-Abstiegskampf-Klassiker, der völlig zu Recht in den BBC-Rückblick Match of the 90ies am Ende der ersten Dekade mit der Premier League aufgenommen wurde. 

„The Great Escape“ in Goodison – 20.000 Fans ohne Karten in den Straßen

Für mich persönlich war es das größte Spiel in Goodison. 

Schon um die Mittagszeit war der Andrang vor den Stadiontoren riesengroß. Sie standen auf den Fensterbänken der Reihenhäuser, von denen man wenigstens einen kleinen Blick ins Stadion erhaschen konnte. Sie kletterten auf die Bäume im benachbarten Stanley Park, warteten vor den Toren. „Ich denke, es waren mindestens 10.000 Leute vor dem Stadion, die keine Karten hatten“, erzählte Evertons damaliger Trainer Mike Walker später.

Tatsächlich waren es fast 20.000 Everton-Fans, die sich ohne Karte zum Stadion auf gemacht hatten. Hinzu kam, dass sich vor den Eingängen ein unglaublicher Rückstau gebildet hatte, weil der Goodison Park an diesem Tag nur von drei Seiten aus betreten werden konnte. Die linke Hintertor-Tribüne, die „Stanley Park End Stand“, war damals wegen Bauarbeiten gesperrt. 

„Heute steigen wir ab“ 

Die „Toffees“ hatten gegenüber den Abstiegs-Konkurrenten Sheffield United und Ipswich Town den Vorteil, als einziger der abstiegsbedrohten Klubs zu Hause zu spielen. Sheffield trat beim FC Chelsea an, Ipswich gastierte bei den Blackburn Rovers. 

Gegen den FC Wimbledon stand es bereits nach 21 Minuten und nach einem Eigentor von Gary Ablett 0:2 aus Sicht des FC Everton. Auf den Tribünen herrschte lähmendes Entsetzen. „Es war ein Hauch von Resignation zu spüren“, schilderte der Everton-Fan Lyndon Lloyd die Gefühlslage, „alles schien total irreal zu sein, wie in einem Traum. Mir war klar: Heute steigen wir ab! Obwohl ich mir ein Leben außerhalb der Premier League nicht vorstellen konnte.“ 

Nach Pausenstand 1:2 lief Everton in der zweiten Hälfte die Zeit davon. Die Situation spitzte sich zu, als Sheffield beim FC Chelsea in Führung ging. In der 68. Minute fasste sich Barry Horne ein Herz und jagte den Ball aus 22 Metern ins Tor von Wimbledon-Keeper Hans Segers – 2:2. Das reichte aber noch nicht, weil Ipswich in Blackburn ein 0:0 hielt. Die Fans in Goodison schickten die ersten Stoßgebete gen Himmel. Nie, wirklich nie hatten sie sich ein Tor von Blackburns Scharfschütze Alan Shearer mehr gewünscht, als in diesen Minuten. Dann kam dieser Pass von Tony Cottee zu Graham Stuart, der aus halblinker Position trocken abzog – 3:2. Der Goodison Park war in diesem Moment ein einziges Jubelmeer, Everton blieb mit 44 Punkten und zusammen mit Ipswich (43) drin. 

„Das spürbare Familiengefühl“, schrieb der Everton-Fan und Buch-Autor Simon Hart im Kicker-Sportmagazin (Ausgabe vom 14. April 2025) bei einem Besuch in einem der letzten Heimspiele, „wird durch die ehemaligen Spieler verstärkt, die auch heute noch auftauchen.“

Stimmt. Everton-Legenden wie Paul Power, englischer Meister von 1987 (letzte Meisterschaft für den FC Everton), oder Anders Limpar, Mitglied der FA Cup-Siegermannschaft von 1995, konnte man rund um den Goodison Park immer wieder mal treffen – und jederzeit gerne ansprechen. 

Diese familiäre Stimmung herrscht in den Straßen von Liverpool-Everton auch am letzten Tag vor der Stilllegung. Party zwischen den Reihenhäusern, ein letzter Fan-Marsch zum Ground und vor dem bekanntesten Pub am Stadion, dem „Winslow Hotel“ (The People’s Pub / 31, Goodison Road, Liverpool L44EH) zählt ein Plakat mit dem Titel „The Goodison Gang“ noch einmal die neun Meisterpokale der „Toffees“.

Kein Stadion-Abriss: Wer spielt im Goodison Park?

Diese Zeiten von Premier-League-Fußball in engen Straßen und die des fußläufig erreichbaren Merseyside-Derby sind seitdem Nostalgie. Goodison ist jetzt ein „Lost Ground“. 

Moment mal! Lost Ground? Nicht ganz. Nur für die Premier League der Männer. Anders als beispielsweise der FC Arsenal, der seine 2006 stillgelegte Heimstatt Highbury in Luxus-Wohnungen umwandeln ließ, werden die Ladies des FC Everton in der englischen Women’s Super League ihre Heimspiele in Goodison austragen. Das hat der Verein Mitte Mai 2025 bestätigt. Der altehrwürdige Goodison Park soll „ein unverwechselbarer Ort im europäischen Fraußenfußball werden.“

Davon ist auszugehen. 

Letztes Merseyside-Derby: Totaler Abriss in Goodison

Welche Dynamik dieses Stadion hatte, davon konnten wir uns alle im Februar 2025 überzeugen. Tief in der Nachspielzeit des letzten Merseyside-Derbys gegen den designierten Meister FC Liverpool sorgte James Tarkowski mit dem 2:2 für den totalen Abriss. Es blieb im 120. und letzten Merseyside-Derby in Goodison bei 41 Siegen für den so kalt verachteten LFC.

„Als Tarkowskis Schuss das Tor traf“, beschreibt Simon Hart diese Szene, glich die Sardinendosen-Enge den Stehplatzverhältnissen von früher.“ 

Eine schönere Reminiszenz an Goodison kann man zum Abschied kaum liefern. 

Carsten Germann am Millerntor

Der Autor: Carsten Germann berichtet seit 2002 aus erster Hand über den englischen Fußball, u. a. für DIE WELT, BILD am SONNTAG und seit April 2021 auch als leitender Redakteur beim Portal Fussballdaten.de. Zudem gab er mit den Büchern Football’s home (2007) und Absolute Dynamite! (2010) zwei Sammelbände mit seinen Fußball-Reiseerlebnissen aus Großbritannien heraus. Für DIE FUSSBALLREISE schreibt er regelmäßig über den Insel-Kick.

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