Kevin Keegan – „Statesman“ in England und größter Bundesliga-Transfer

Carsten Germann am Millerntor

Author: Carsten Germann
Published: 26.02.2026

Veröffentlicht in Premier League Offside,

Es ist viel über Kevin Keegan geschrieben worden, der am 14. Februar 2026 seinen 75. Geburtstag feierte und der im November 2025 eine Krebs-Erkrankung öffentlich gemacht hat. Man kann dem englischen Fußball-Idol nur gute Besserung wünschen. Der Stellenwert von Kevin Keegan in England und in Hamburg ist einmalig. 

Es kommt im kühlen Hamburg selten vor, dass ein HSV-Spieler in einem Liedtext verewigt wird oder gar selbst ins Tonstudio geht, um eine Single aufzunehmen. Kevin Keegan hat in den späten 1970er-Jahren beides erreicht.

„Schießt Kevin Keegan ein Tor, dann dröhnt es laut im Chor – Wer wird Deutscher Meister? H-H-H-HSV“, so lautete die, ihn ehrende Zeile in dem umgetexteten Meister-Song von dem aus dem Talentschuppen bekannten Sänger Stefan Hallberg („Fluchtpunkt Buenos Aires“) aus dem Jahr 1979 (Original-Titel: I was made for dancing von Leif Garrett, 1978). 

Kevin Keegan war in Hamburg nicht sofort „Head over Heels in Love“…

Mit keinem geringeren als Chris Norman von Smokie sang Kevin Keegan, nachdem ihn der neue HSV-Manager Günter Theodor Netzer zum Bleiben überredet hatte, im Mai 1979 die Single Head over Heels in Love ein. Die Idee hatten beide Stars bei einem Bier nach einem Smokie-Konzert 1978 in Hamburg. Aufgenommen wurde der Titel, der es in Deutschland bis auf Platz zehn der Verkaufscharts schaffte, dann im Mai 1979 „Rüssl“-Studio von Otto Gerhard Waalkes, Querverbindungen zwischen der Bundesliga und dem Musikgeschäft, die man heute ins Reich der Science-Fiction verweisen würde…

Nein, Kevin Keegan war real. Er war der erste Entertainer beim HSV, nach Günter Theodor Netzer von Borussia Mönchengladbach der zweite Fußball-Popstar der Bundesliga – und für mich ist er bis heute der größte Transfer der Liga-Geschichte.

Vom Stellenwert her ist Keegan noch höher einzuordnen, als der 100 Millionen Euro teure Transfer von Harry Kane von Tottenham Hotspur zum FC Bayern 2023, der Wechsel von Rafael van der Vaart 2005 von Ajax Amsterdam zum HSV oder – der größte Coup eines Absteigers – der Transfer-Hit des VfB Leipzig 1994 mit Europacupsieger Darko Pancev von Inter Mailand.

Kevin Keegan brachte den Glamour zum HSV – und dass er überhaupt nach Hamburg wechselte, verdanken sie in der Hansestadt einem genialen Impuls des legendären HSV-Präsidenten Dr. Peter Krohn. 

Er weilte im Sommer 1977 in London, wollte eigentlich einen anderen Spieler verpflichten.
Das war „Stan, the Man“ Bowles von den Queens Park Rangers, der sein Geld am liebsten beim Pferderennen unter die Leute brachte. 

Der Hamburg-Macher sah dann aber im BBC-Fernsehen ein Interview, in dem Kevin Keegan vom FC Liverpool „irgendwie lustlos wirkte.“

Krohn zögerte nicht lange, holte Kevin Keegan für die damalige britische Rekord-Transfersumme von 500.000 Pfund nach Hamburg und triumphierte: „Hollywood ist tot, es lebe der HSV!“

Dem kann ich mich eigentlich nur anschließen – auch mit fast 50 Jahren Abstand. Kevin Keegan in Hamburg, ein Transfer, der neue Maßstäbe setzte. Bis zu diesem Wechsel war „The Mighty Mouse“, wie der englische Boulevard den 1,73 m großen Joseph Kevin Keegan getauft hatte, mit den Merseysiders vom FC Liverpool von Sieg zu Sieg geeilt.

1971 von Scunthorpe United nach Anfield geholt, wurde Keegan mit „The Reds“ drei Mal englischer Meister, zwei Mal UEFA-Cup-Sieger (1973, 1976) und 1977 Europapokalsieger der Landesmeister im Finale gegen Borussia Mönchengladbach in Rom (3:1).

In 323 Pflichtspielen gelangen dem Offensiv-Allrounder 100 Tore für den FC Liverpool. Gemeinsam mit dem Waliser John Toshack bildete Keegan eines der besten Angriffsduos beim Liverpool Football Club. Gefördert wurde seine Karriere in Anfield von Trainerlegende Bill Shankly. „Ich habe unter vielen guten Trainern gespielt“, sagte Keegan später, „aber keiner war auch nur annähernd so gut wie Bill Shankly.“

Dass der Superstar des englischen Fußballs ausgerechnet in die nach den Auslands-Abschieden von Netzer, Paul Breitner (1974) und Franz Beckenbauer (1977) nach Spanien und in die USA etwas bieder gewordene Bundesliga wechselte, kam in England nicht überall gut an. Britische Boulevardmedien streuten Gerüchte, wonach Kevin Keegan wegen seiner fehlenden Deutsch-Kenntnisse von seinen Hamburger Mitspielern gemieden würde.

Kevin Keegan HSV Nottingham

Kevin Keegan (l.) im Europapokalfinale der Landesmeister 1980 in Madrid gegne Nottingham Forest und Martin O' Neill. Foto: Imago Images / Colorsport

Zwei Mal ,,Europas Fußballer des Jahres"

Das Gegenteil war der Fall. „Gäbe es Kevin Keegan nicht, man müsste ihn erfinden“, sagt sein HSV-Teamkollege Horst Hrubesch bis heute. 

Mit Keegan, Hrubesch, Felix Magath, William „Jimmy“ Hartwig, Rudi Kargus und Co. wurde der Hamburger SV 1978/79 erstmals Deutscher Meister in der Bundesliga-Ära. Keegan hob den HSV vom Unterhaltungswert, aber er hob den bürgerlich-konservativen, für manchen Kritiker etwas bieder daherkommenden Traditionsklub vor allem sportlich auf ein anderes Level. Letzteres trifft natürlich auch auf Harry Kane in München zu, doch Keegan holte sich in seiner Zeit in Hamburg die Trophäe, die Kane möglicherweise nicht erhalten wird: Er gewann zwei Mal den „Ballon d‘ Or“ als bester Spieler in Europa, 1978 und 1979. 

Kane und Keegan trennt ein anderer, entscheidender Aspekt. Harry Edward Kane führte die „Three Lions“ 2021 und 2024 ins EM-Finale. 

Ein solcher Erfolg blieb Keegan in seinen 63 Länderspielen für England versagt – bei seiner einzigen WM 1982 in Spanien war er, schon wieder zurück auf der Insel, angeschlagen und schied mit der Nationalmannschaft in der Zweiten Finalrunde aus. 

Anfang der 1980er-Jahre litt England schon unter dem Niedergang der Schwerindustrie. Dennoch schaffte es Newcastle United, den Superstar zu verpflichten. 

Newcastle und KK33

2024 habe ich für Die Autos der Fußballstars herausgearbeitet, dass dieser Transfer auch über Keegans Leidenschaft für schnelle Autos lief.

Nach heutiger Rechnung 23.000 Euro kostete Keegans BMW 732i, auf den er bei seinem Wechsel 1982 zu Newcastle United umstieg. Ein Erfolgs- und Statussymbol für den berühmten Fußballer, aber in diesem speziellen Fall eines mit Tücken. Keegan durfte den von Paul Bracq designten, 1968 in Produktion gegangenen Wagen der Oberklasse nur so lange behalten, wie er für die „Magpies“ von Newcastle United spielte.

Zwei Jahre fuhr er mit dem programmatischen Nummernschild KK 33 auf der Insel. Bei Mediastorehouse.com wurde das Foto, das den von Fans umlagerten Newcastle-Star auf dem Auto sitzend zeigte, zu einer „ikonischen Szene“: „Sie erinnert an Keegans einzigartige Identität als Teil der Fußballkultur und der Pop-Gesellschaft in bewegten Zeiten.“

Bei seiner Ankunft im St. James‘ Park wurde Keegan wie ein Heilsbringer gefeiert. „Er ging als Star und kehrte als Staatsmann zurück“, brachte es Keegan-Biograf Anthony Quinn (nicht zu verwechseln mit „Anthony Quinn“ alias Antonio Rodolfo Quinn Oaxaca, † 2001 / „In den Schuhen des Fischers“) auf den Punkt. 

Ein anderes Urteil über Kevin Keegan, von England-Legende Keir Radnedge am 9. Februar 2026 im Kicker-Sportmagazin zu Keegans 75. Geburtstag abgegeben, finde ich als Autor mit einem gewissen Premier-League-Background ebenfalls höchst zutreffend:

„Er weinte, wenn er verletzt war. Er strahlte, wenn er gewann, er teilte seine Leidenschaft mit seinem Publikum und gab nie vor, etwas Anderes zu sein als ein Mann, der nicht nur das Spiel, sondern jede Minute jedes Spiels liebte.“

Deshalb: Alles Gute, Kevin Keegan! 

Carsten Germann am Millerntor

Der Autor: Carsten Germann berichtet seit 2002 aus erster Hand über den englischen Fußball, u. a. für DIE WELT, BILD am SONNTAG und seit April 2021 auch als leitender Redakteur beim Portal Fussballdaten.de. Zudem gab er mit den Büchern Football’s home (2007) und Absolute Dynamite! (2010) zwei Sammelbände mit seinen Fußball-Reiseerlebnissen aus Großbritannien heraus. Für DIE FUSSBALLREISE schreibt er regelmäßig über den Insel-Kick.

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