Eine höchst durchwachsene Woche für die sechs Clubs aus der englischen Premier League in der „Königsklasse“ in Europa. Nur Tabellenführer FC Arsenal und Co-Rekordmeister FC Liverpool überstanden das Achtelfinale in der Champions League. Die von vielen Medien, vorrangig aus Deutschland, ausgerufene „Krise“ der englischen Eliteliga in Europa sehen Experten dennoch nicht. Ich übrigens auch nicht.
„Paradies in Not – Ein Desaster droht. Was ist los mit der Premier League“, so reimte das Kicker-Sportmagazin am 16. März 2026 und unmittelbar vor den Rückspielen in der Champions League etwas lustlos.
Aber nicht unbegründet. Der FC Chelsea – 2:5 im Hinspiel bei Titelverteidiger Paris Saint-Germain – und die von Atlético Madrid mit dem gleichen Ergebnis regelrecht blamierten Tottenham Hotspur standen nach den ersten 90 Minuten vor dem „Aus“.
Tottenham hatte in den ersten 15 Minuten im Estadio Metropolitano in Madrid, dem Schauplatz des englischen Finals von 2019 mit den „Spurs“ und dem FC Liverpool, drei Gegentore kassiert und Interims-Trainer Igor Tudor wechselte in einer haarsträubenden Verzweiflungsaktion Torhüter Antonin Kinsky aus. Das verwunderte selbst den Gegner. „Auf professioneller Ebene habe ich so etwas noch nicht erlebt“, sagte Atlético-Trainer Diego Simeone. Oder anders: Jeder blamiert sich so gut, wie er kann.
Real Madrid hatte den letzten englischen Champions-League-Sieger, Manchester City (2023), mit 3:0 im Estadio Santiago Bernabeú deklassiert.
Eine Fast-Blamage für die Premier League: Manchester City, im Bild gegen Real Madrid, und drei weitere englische Clubs schieden im Champions-League-Achtelfinale aus. Foto: Imago Images / Anadolu Agency
Zwei Mal drei Gegentore am gleichen Tag – Das gab es noch nie
Dass mit City und Chelsea zwei englische Clubs mit einer Differenz von drei Toren am gleichen Tag in der Champions League verloren, das hatte es in der 1992 novellierten „Königsklasse“ zuvor noch nie gegeben.
Auch der FC Liverpool (0:1 bei Galatasaray Istanbul), Newcastle United und der FC Arsenal (jeweils 1:1 gegen den FC Barcelona und bei Bayer Leverkusen) gingen nicht gerade mit Top-Ergebnissen in die Rückspiele.
Während auch „The Magpies“ beim 2:7 im Spotify Camp Nou gegen „Barca“ bitteres Lehrgeld zahlten und sich City gegen Real (1:2) verabschiedete, retteten Arsenal und der FC Liverpool mit 2:0 bzw. 4:0 die Ehre der englischen Fußball-Eliteklasse.
„Das war das beste Spiel unter meiner Regie“, sagte Liverpools in der Kritik stehender Coach Arne Slot anschließend voller Selbstbewusstsein. Vielleicht musste er das sagen, aber leichter wird es für den angezählten Niederländer und für die „Reds“ nicht.
Im Viertelfinale könnte gegen PSG wieder Endstation sein. Schon im Vorjahr stoppte Paris den Tabellenführer der erstmals ausgespielten Ligaphase im Achtelfinale. Es wäre irgendwo logisch, wenn es wieder so käme, denn Liverpool ist trotz gigantischer Transfer-Investitionen die Enttäuschung der Saison.
Premier- und Champions-League-Tabellenführer Arsenal sollte seinen Viertelfinal-Gegner Sporting Lissabon nicht unterschätzen. Der portugiesische Meister lieferte beim 5:0 nach Verlängerung gegen den Außenseiter Bodö/Glimt FK aus Norwegen und nach 0:3 im Hinspiel eine denkwürdige Aufholjagd.
„Ein brutaler Realitätscheck“
Die Abgesänge auf die Premier League erwiesen sich trotzdem als zu voreilig. „Ich würde davon abraten, daraus übermäßig viel abzuleiten und den guten Ruf dieser Liga infrage zu stellen“, gab Ex-Premier-League-Profi Thomas Hitzlsperger in einer Kicker-Kolumne allen Schein-Diskussionen um die stärkste Liga der Welt eine Absage, „die Ergebnisse waren enttäuschend, ja, aber das war ein Spieltag und das ist kein Trend.“
Was das erneut frühe „Aus“ von City (scheiterte 2025 schon in den Playoffs an Real Madrid, 2:3 und 1:3) anging, so hatte Hitzlsperger, den ich 2003 schon als Jungprofi bei Aston Villa interviewen durfte, einen Erklärungsansatz: „Es ist sicher so, dass sich im Lauf der Jahre unter Pep Guardiola vielleicht doch mehr abgenutzt hat, als man glauben mag.“
City wirkt überspielt, Tottenham ist ein Abstiegskandidat, Chelsea wild zusammen gecastet
Möglich, das Team wirkt übersättigt und die City-Macher aus den Vereinigten Arabischen Emiraten baten nach dem Ausscheiden gegen Real Madrid zur Krisensitzung. Pep Guardiola wird den Verein 2027 ohnehin verlassen und dann muss im Etihad Stadium ein Umbruch her.
Der FC Chelsea, der mehr an ein Investment, denn an ein Erfolgsteam erinnert, und auch Tottenham Hotspur, das in der Premier League gegen den Abstieg spielt und auch im letzten Jahr als späterer Europa-League-Sieger nicht glänzen konnte, verfügen derzeit nicht über homogene Kader.
Stark, fokussiert und verbissen: Der FC Arsenal im Rückspiel gegen Bayer Leverkusen.
„The Gunners“ wollen es in dieser Premier-League-Saison, aber auch in der „Königsklasse“ unbedingt wissen.
Seit 2004 jagen sie dem englischen Meistertitel hinterher, seit 2006 standen sie nie mehr im Champions-League-Finale. Insgesamt haben die Nord-Londoner mit dem Europapokal der Pokalsieger, den sie 1994 in Kopenhagen gegen Parma (1:0) gewannen, nur einen internationalen Titel gewonnen. So ist es wenig verwunderlich, dass das konstanteste englische Team in dieser Saison seine Ansprüche klar formuliert. „Nach der langen Zeit ohne die ganz großen Pokale hat jeder hier Hunger auf Titel. Wir rudern also wirklich alle in dieselbe Richtung“, sagte der ehemalige Leverkusener Piero Hincapié (24) vom FC Arsenal in einem Interview mit SPORT BILD vor dem Hinspiel gegen den deutschen Vizemeister.
Für mich bleibt Arsenal ein Favorit auf den Gewinn der Champions League – und auf die englische Meisterschaft sowieso.
Dass dieses Achtelfinale eine Fast-Komplett-Blamage für die englischen Clubs wurde, hat, wie oben genannt, individuelle Gründe, die von Club zu Club verschieden sind.
Auch nimmt man das Abschneiden in den europäischen Wettbewerben auf der Insel nicht so ernst wie die Liga selbst, was sich schon anhand der Ansetzungen nach Champions-League-Spieltagen zeigt. Hat der FC Liverpool am Mittwochabend einen Kraftakt gegen Galatasaray hingelegt, heißt das nicht, dass man dann samstags zur Lunch Time wieder bei Brighton & Hove Albion antreten muss.
„Dass englische Klubs öfter im Europacup früher ausscheiden“, schrieb Thomas Bröker im Kicker-Sportmagazin, „ist kein Zufall, sondern Programm und auch die Folge von Terminhatz und der Intensität des Spiels.“
Die Premier League bleibt trotzdem das Maß aller Dinge in Europa. Sie führt in der Fünf-Jahres-Wertung, dem wichtigsten Europacup-Ranking, weiter mit so großem Abstand, dass auch im kommenden Jahr wieder ein fünfter Startplatz drin ist.