
Nottingham Forest: What a comeback!
Premier League Offside · 15. November 2024 · 5 Min. Lesezeit
Carsten Germann
Nottingham Forest, dieser Name klang in den späten 1970er- und frühen 1980er-Jahren in England und in ganz Fußball-Europa fast mystisch. Die „Tricky Trees“ haben einen langen Weg vom Gipfel mit zwei Titeln im Europapokal der Meister bis zur Rückkehr in die Premier League nach fast einem Vierteljahrhundert Abstinenz hinter sich. Beseelt vom „heiligen Geist“, so heißt Coach Nuno Espirito Santo in der Übersetzung, schicken sie sich an, ihre beste Premier-League-Saison zu spielen.
Aus der ersten Länderspiel-Pause kam Nottingham Forest Mitte September 2024 mit einem echten Streich: 1:0 (0:0) beim FC Liverpool, der mit seinem neuen Trainer Arne Slot die ersten drei Liga-Spiele gewonnen hatte.
Die „Tricky Trees“ überraschten auch Liverpool
Seit 1969 hatte die Mannschaft aus den East Midlands in Anfield nicht mehr triumphiert und für Nuno Espirito Santo, den portugiesischen Coach der „Tricky Trees“, war es der erste Erfolg über Liverpool als Trainer überhaupt.
Das war so ein Spiel, das Kräfte frei setzt. Drei der nächsten vier Spiele gewann Nottingham, darunter das East-Midlands-Derby bei Leicester City (3:1).
Auch wenn das 1:3 gegen Newcastle United vor der letzten Länderspiel-Pause im November 2024 diesen Lauf gebremst hat, Nottingham Forest ist die Überraschungsmannschaft der bisherigen Premier-League-Saison.
Was für ein Höhenflug! Chris Wood (vorn) und Anthony Elanga feiern am 25. Oktober 2024 den Sieg im East Midlands Derby bei Leicester City im King Power Stadium. Foto: Imago / NurFoto
1865 gegründet, gehört der Nottingham Forest Football Club zu den ältesten Vereinen der Welt. Er bildete gemeinsam mit dem FC Liverpool und Aston Villa die Reihe der englischen Clubs, die von 1977 bis 1982 keine Mannschaft aus einem anderen Land an den Europapokal der Landesmeister ließen.
Nottingham und die goldene Ära der England-Clubs
Liverpool holte sich den „Henkelpott“ 1977 und 1978. Forest löste „The Reds“ 1979 (1:0 gegen Malmö FF in München) und 1980 (1:0 gegen den HSV in Madrid) ab, ehe 1981 wieder Liverpool und 1982 Aston Villa den größten europäischen Wettbewerbe für sich entscheiden konnten.
Nottingham konnte diese Erfolgs-Ära unter dem legendären Coach Brian Clough, dessen Statue ein beliebtes Foto-Motiv ist, nicht lange halten. 1999 verabschiedete man sich für einen Zeitraum von 23 Jahren aus der Premier League, spielte zwischenzeitlich in der 3. Liga (Football League One).
Das Premier-League-Comeback des einstigen Überfliegers 2022 im Playoff-Spiel gegen Huddersfield Town (1:0) in Wembley habe ich für die-fussballreise.de und natürlich für Sie, liebe Leser, damals live geschrieben.
Ein großer Tag für Nottingham Forest auf dem Rasen und oben in der Loge, wo er feiern durfte: Evangelos Marinakis.
Der mächtige griechische Reeder, der auch Besitzer von Olympiakos Piräus ist und die Mannschaft 2024 in der Conference League zum ersten Europapokalsieger aus Griechenland führte, stieg 2017 mit 67 Prozent und einem Finanzvolumen von 50 Millionen Euro ein und sorgte für die Wende zum Guten.
Klar, Marinakis‘ Methoden sind nicht immer die feinsten – Nach dem 0:1 gegen den FC Fulham nach einer Spuck-Attacke eine Fünf-Spiele-Sperre auf der Tribüne ab – doch er zieht die Aufmerksamkeit der englischen und natürlich auch der griechischen Medien wie kaum ein anderer Mäzen auf sich.
Marinakis holte Nuno Espirito Santo als Coach und den Brasilianer Edu als Sportdirektor nach Nottingham. Sein Transfer-Chef George Syrianos ist, wie der Name schon verrät, ein Deutscher.
Und vermutlich dealte er auch zwei der besten Transfers des Sommers. Der serbische Abwehrspieler Nikola Milenkovic (27) wechselte für 14,3 Millionen Euro von Piräus-Finalgegner AC Florenz nach England, den englischen U21-Nationalspieler Elliot Anderson (22) holte man für stolze 41,2 Mio. Euro vom Liga-Konkurrenten Newcastle United in den City Ground.
Und was soll man sagen? Nottingham Forest scheint vom heiligen Geist beseelt. Nuno Espirito Santo hat den „Tricky Trees“ vor allem defensive Stabilität gebracht.
So gut wie seit 1995 nicht mehr
Mit 67 Gegentoren war Forest in der vergangenen Saison eines der fünf defensivschwächsten Teams der Premier League.
In diesem Jahr hat Nottingham Forest bislang mit zehn Gegentreffern die zweibeste Abwehr der Liga – hinter Liverpool (6).
Nach den ersten 10 Spieltagen in der englischen Eliteliga stand die Mannschaft aus der Stadt des Sagen-Helden Robin Hood gar auf Platz 3, das hatte es für Nottingham seit 1995/96 nicht mehr gegeben.
Elf Punkte aus fünf Partien in fremden Stadien machen Nottingham Forest zum zweitbesten Auswärts-Team der Premier League hinter dem FC Liverpool.
Nuno Espirito Santo hat in Nottingham dafür gesorgt, dass man nicht mehr nur über die glorreiche Vergangenheit spricht.
Nicht mehr nur von den Helden von einst, von Viv Anderson, Kenny Burns, Tony Woodcock, Martin O‘ Neill, Trevor Francis und Peter Shilton.
Chris Wood: Einer wie Vardy?
Nun heißen die Stars Taiwo Awoniyi, Callum Hudson-Odoi (erzielte in Liverpool das 1:0-Siegtor), Milenkovic, Neco Williams und Chris Wood.
Der 32-jährige Australier, „ein Mittelstürmer alter Prägung“, wie ihn England-Legende Keir Radnedge im Kicker-Sportmagazin (Ausgabe vom 7. November 2024) nennt, könnte bei Forest zu einer Kultfigur werden wie James Richard Gill, genannt Jamie Vardy, der den Rivalen von Leicester City 2016 zur Sensations-Meisterschaft in der Premier League schoss – und „Fußballer des Jahres“ in England wurde.
Wood ist seit dem Einstieg von Espirito Santo gesetzt. Er traf in den ersten elf Premier-League-Spielen 2024/2025 acht Mal. „Eine Zeitlang“, so philosophierte Wood zuletzt nach dem 3:0 gegen West Ham United, „war der kleine Mittelstürmer oder die falsche Neun in Mode. Zum Glück hat Erling Haaland diese Herangehensweise wieder geändert.“
Zum Glück, ja.
Kein Update verpassen
Erhalten Sie ausgewaehlte Highlights rund um Sport, Events und Reisen - kurz, relevant und ohne Spam.
