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Old Wembley Stadium: Dietmar Hamann had the final word

Lost Grounds · 14. November 2024 · 7 Min. Lesezeit

Wembley
CG

Carsten Germann

Veröffentlicht am

Totaler Abriss in London! Am 7. Oktober 2000 war endgültig Schluss, an diesem historischen Tag wurde Wembley zum „Lost Ground“. Im Londoner Regen galt nicht „Der Letzte macht das Buch zu“, sondern „Der Letzte macht Wembley zu.“ 

Das war in diesem sehr speziellen Fall der Liverpool-Profi Dietmar Hamann („The Didi Man“) mit einem Freistoß-Tor aus der Distanz zum 1:0 für Deutschland im WM-Qualifikationsspiel gegen England. 

Das letzte Spiel in seiner 1923 eröffneten Fußball-Oper, wo es am 30. Juli 1966 mit dem Gewinn der Weltmeisterschaft gegen Deutschland (4:2 n. V.) und dem Namen stiftenden „Wembley-Tor“ den größten Erfolg der englischen Fußballgeschichte gegeben hatte, endete für England in einer Pleite. Die Fans gaben sich britisch-smart: „Goodbye, Wembley, danke für die Erinnerungen“, lautete eines von vielen Plakaten auf der Tribüne. 

Ballack Hamann Scholl Wembley 2000

7. Oktober 2000: Die deutschen Nationalspieler Michael Ballack (l.) und Mehmet Scholl (r.) verlassen mit Dietmar Hamann (m.), dem letzten Torschützen im alten Wembleystadion, den traditionsreichsten Ground der Welt. Foto: Imago / Pressefoto Baumann

Fast 750 Millionen britische Pfund kostete der spektakuläre Wembley-Neubau an gleicher Stelle. „The Home of Football“ sollte eigentlich schon 2005 eröffnet werden. Fertig war dann alles aber erst im März 2007 und das FA Cup Finale 2007 mit dem FC Chelsea und Manchester United wurde zum ersten großen Spiel im neuen Fußballtempel von Wembley. 

„Die Kirche des Fußballs“ 

Wembley – Das ist das Stein gewordene Wahrzeichen des englischen Fußballs. Der Blick geht fast automatisch auf den 133 Meter hohen Leuchtbogen, der das Stadion überspannt und die legendären „Twin Towers“, die schneeweißen Zwillingstürme, als Markenzeichen des Stadions abgelöst hat. 

Nirgendwo ergeben Mythos, Tradition und Moderne bis heute so eine perfekte Mischung wie in Wembley. Der große Pelé („O Rei“ / † 2022) hat das Stadion mal als „Kirche des Fußballs“ bezeichnet. Und das, obwohl er selbst nie in Wembley spielte und dort nur einmal – bei einer Stippvisite in Anzug und Straßenschuhen – den Ball ins leere Tor kicken durfte. 

Der brasilianische Fußballkönig weilte aber noch im „alten“ Wembley. 

Es war der Wunsch von König George V., im Londoner Nordwesten ein Stadion zu bauen, das der Ausstellung „British Empire Exhibition“ 1924 als würdige Bühne dienen konnte. In nur einem Jahr Bauzeit rammte man ein Stadion aus 25.000 Tonnen Beton und Stahl aus dem Boden – Für eine heute lächerlich anmutende Summe von 825.000 Euro. 

Am 28. April 1923 spürte England erstmals den Herzschlag dieser mächtigen Arena, die von Anfang an durch ihre Bauweise ein Faszinosum war. Wembley war auch ein Monument des Empire. 

Das erste Top-Event in Wembley war das FA Cup-Finale zwischen den Bolton Wanderers und West Ham United. Nach schleppendem Vorverkauf drängelten zur Mittagszeit doch 126.000 Menschen auf verschiedenen Wegen ins Stadion. Die Polizei war es ratlos, Constable George Albert Scorey sorgte und drängte mit seinem grauen Pferd Billy die auf den Rasen strebende Zuschauermasse zurück. 

Billy wurde als „The White Horse“, als das weiße Pferd von Wembley, zur Legende. „Billy war gutmütig“, erinnerte sich Scorey später, „er hat die Leute sanft mit der Nase und mit seinem Schweif über die Torlinie gedrängt.“ 

1940: Fußball-Tempel als Truppenlager

Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges und die Evakuierung des britischen Expeditionskorps 1940 aus dem französischen Küstenort Dünkirchen machten Wembley zum Auffangplatz für die ausgelaugten Soldaten. Bis der FA Cup zurückkehrte, dauerte es bis zum 27. April 1946. Erst dann bestritten Derby County und Charlton Athletic das erste englische Pokalfinale nach dem Krieg. 

Im November 1953 tauchte Ungarns Wunderelf, in ihrer Heimat auch als „Die goldene Elf“ bezeichnet, mit dem überragenden „Major“ Ferenc Puskas und Wunderstürmer Nandor Hidegkuti in „Englands traditionsreicher Fußballburg“ (Dieter Kürten) auf. Was bis dahin alle auf der Insel für unmöglich hielten, traf ein: Ungarn schlug  England erstmals in seinem für uneinnehmbar gehaltenen Nationalstadion – 3:6, eine Demütigung. 

Der Torhüter Bernd „Bert“ Trautmann brach 1956 ein anderes Tabu. Der Keeper von Manchester City, 1944 als Kriegsgefangener nach England gekommen, wurde der erste Deutsche, der den FA Cup gewinnen konnte. Am 5. Mai 1956 kam der gebürtige Bremer Trautmann mit Manchester City gegen Birmingham City zum FA Cup-Finale nach Wembley. Beim Stand von 3:1 für die „Citizens“ wurde Trautmann bei einem Zusammenprall mit Birminghams Peter Murphy schwer verletzt. Mit gebrochenem Halswirbel spielte Trautmann weiter, auch einen zweiten Zusammenprall überlebte er. 

Bis zum Abriss fanden sieben Europacup-Finals im Wembleystadion statt. Drei Mal nutzen mit West Ham United (1965 gegen 1860 München), Manchester United (1968) und dem FC Liverpool (1978) englische Klubs ihren „Heimvorteil.“

Der „Wembley Roar“ 

Wembley ist eines der wenigen Stadien weltweit, das seinen eigenen Song hat. 1947 lief erstmals der „Mann im weißen Anzug“ auf. Es ist der Londoner Schulrektor Arthur Craiger, der beim Pokalfinale mit Charlton und dem FC Burnley erstmals die Einstimmung der Massen – 98.215 Zuschauer waren es an diesem Tag – übernahm. Das Lied Abide with me machte Craiger zu einer beinahe mystischen Figur im Wembley-Theater und ist bis Anfang der Sechzigerjahre der Anheizer für die Finals. Noch berühmter als Abide with me ist der „Wembley Roar“, der vielfach beschriebene, mitunter gar mystifizierte Lärm der Zuschauerkulisse. 

Englands Weltmeister George Cohen beschrieb den „Roar“ 1998 als einen „Lärm wie von einem Zug oder von einer U-Bahn, der alles aus deinem Kopf heraus gejagt hat.“ 

Geoff Hurst, dem dreifachen Torschützen im WM-Finale 1966 gegen Deutschland (4:2 n. V.) und letztem noch lebenden englischen Weltmeister aus der Startelf von Nationaltrainer Sir Alf Ramsey, ist der „Roar“ viel mehr in Erinnerung geblieben als sein legendäres „Wembley-Tor“ aus der 101. Minute: „Der Lärm klang wie ein Crescendo. Das ist etwas, was ich immer für mich aus diesem Spiel mitnehmen werde“, sagte Hurst 2016 Fussballreise-Redakteur Carsten Germann, „es war, als ob die ganze Nation im Stadion gewesen wäre.“ 

Zwar waren an diesem 30. Juli 1966, „nur“ 96.924 Menschen im Stadion, aber die Weltmeisterschaft 1966 einte England als Nation wie kein anderes Turnier zuvor. We won the Cup, we won the Cup, ee ay adio we won the Cup, sangen sie danach in London und anderswo. 

Glanz und Glamour lieferten in Wembley auch Persönlichkeiten, die nicht unbedingt in Fußball-Kontexten stehen. Wie Bob Geldof. Der ehemalige Sänger der Boomtown Rats organisierte im Sommer 1985 das bis dahin größte Konzert aller Zeiten: Live Aid. 

Das Event zugunsten der Hunger leidenden Bevölkerung in Afrika lockte 70.000 Musikfans, 1,4 Milliarden Fernsehzuschauer sahen die Auftritte von Ex-Beatle Sir Paul McCartney, Sir Elton John und Queen mit dem unvergleichlichen Irrwirsch Farrokh Bulsara, genannt Freddie Mercury († 1991). 

Wembley ist für viele ein Once in a Lifetime-Moment. Wie für Paul Allen von West Ham United. Mit 17 Jahren und 256 Tagen war er 1980 der bis dahin jüngste Spieler in einem FA Cup-Finale. Im London-Derby gewannen und „The Hammers“ mit 1:0 gegen Arsenal den FA Cup und der Youngster musste – vor Freude weinend – von den Teamkollegen nach der Siegerehrung gestützt werden. 

Linekers Rückkehr

Trost brauchte auch ein gewisser Gary Lineker, als er 1969, im Alter von acht Jahren nach einer 0:1-Niederlage seines Lieblingsklubs Leicester gegen Manchester City im FA Cup-Finale von Wembley nach Hause fuhr. Der kleine Gary weinte auf der Rückfahrt. „Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal als Spieler nach Wembley zurückkehren würde“, erzählt Lineker später, der in 80 Länderspielen für England 47 Tore erzielte. 1991 holte er sich mit den Tottenham Hotspur in Wembley den FA Cup. 

Deswegen gebührt Lineker auch das Schlusswort zum Lost Ground Wembley: „Irgendwann, war es Zeit, etwas Neues zu machen. Wembley war ein Platz mit einer großartigen Geschichte, aber mit der Zeit präsentierte sich das Stadion auch ziemlich heruntergekommen. Einige Einrichtungen, wie etwa die Toiletten, waren einfach nur hoffnungslos.“ 

 

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