
Wer ist eigentlich der „echte“ FC Wimbledon?
Premier League Offside · 4. November 2024 · 6 Min. Lesezeit
Carsten Germann
FA Cup in England, erste Runde, am 3. November 2024 und es konnte eigentlich zum Start nicht besser kommen: Die MK Dons gegen den AFC Wimbledon, also Wimbledon gegen Wimbledon im direkten Duell. Dahinter steckt eine der kuriosesten Geschichten des englischen Fußballs.
Als ich Kris Stewart 2007 in Wien traf, gehörte der etwas korpulente Engländer schon längst zu den Stars in der internationalen Fußball-Fan-Szene.
Weil er bereit war, für seinen Club zu kämpfen und neue Wege zu gehen. Seine Geschichte habe ich 2010 in meinem Buch Absolute Dynamite! Fußballgeschichten aus Großbritannien niedergeschrieben.
An einem Montagmorgen…
Am 28. Mai 2002, zwei Tage vor Beginn der WM in Japan und Südkorea. Froh gestimmt sind Mensch und Maschine. Der Londoner Finanzberater Kris Stewart verlor an diesem Morgen seinen Job – um am Ende des Tages eine neue Aufgabe zu haben, die ihn in ganz Europa bekanntmachen sollte. Abends erfuhr der gute Kris Stewart, dass sein Lieblingsklub FC Wimbledon den Umzug in die fußballerisch völlig unbedeutende Kleinstadt Milton Keynes unternehmen würde.
Eine unabhängige Kommission des englischen Fußballverbandes (FA) hat – nach dreiwöchigen Verhandlungen und einer Mahnwache der Anhänger um Stewart in der FA-Zentrale am Londoner Soho Square – dem Umzug nach Milton Keynes, einer 90 Kilometer nordwestlich der britischen Metropole gelegenen Trabantenstadt, zugestimmt. Diesen Ärger musste Stewart noch zusätzlich herunter spülen – und zwar im Pub Fox & Grapes, 9 Camp Rd, London SW19 4UN, einem Treffpunkt der eingefleischten Fans der „Dons“.
,,Dons" vs. MK Dons im FA Cup: Die Spieler des AFC Wimbledon feiern ihren 2:0-Auswärtserfolg in der ersten Runde des englischen Pokals am 3. November 2024. Foto: Imago / PA Images
FC Wimbledon: „Wir gegen den Rest der Welt“
Der FC Wimbledon – Der FA Cup-Sieger von 1988 (1:0 gegen den großen FC Liverpool) mit seinen Granden Dave Beasant, Vinnie „The Axe“ Jones, John Fashanu oder Lawrie Sanchez, von den Medien als „The Crazy Gang“ bezeichnet, weil wohl kein Team so derbe Späße machte und den „Wir gegen den Rest der Welt“-Gedanken so gut verinnerlicht hatte.
Die Folgen des Taylor-Reports, die umfassende Untersuchung aller englischen Stadien nach der Stadion-Katastrophe von Hillsborough (1989) führte in Wimbledon 1991 zu einer (ersten) Zäsur. Der Verein zog, da die Renovierung des Stadions an der Plough Lane zu kostenintensiv gewesen wäre, in den Selhurst Park von Crystal Palace im Londoner Süden um. Klubchef Sam Hammam prüfte Derwall ähm… derweil Umzugspläne nach Brixton und Tolworth und deutete schon 1992 eine Namensänderung des Klubs an.
Tod auf Raten
1994 wurde die Plough Lane abgerissen. Sie musste einem 15 Millionen Euro teuren Einkaufszentrum mit luxuriösen Apartments Platz machen. Für Kris Stewart war das ein Sakrileg: „Wenn Du mehr als ein paar Kilometer von deinem vertrauten Platz weggehst, zerstörst du alles, was den Fußball ausmacht. Immerhin ist dieser Sport Teil der englischen Kultur.“
Die neuen Eigentümer aus Norwegen, Bjorn Rune Gjelsten und Kjell-Inge Rokke, präsentierten 2000 die nächsten Umzugspläne: Nach dem Abstieg der „Dons“ aus der Premier League sollte es in ein neues Stadion gehen, das 25.000 Zuschauer Platz bot und in Basingstoke in Hampshire entstehen solle. Schließlich kam man sogar auf die haarsträubende Idee, mit den Queens Park Rangers zu fusionieren. „Der FC Wimbledon“, sagte mir Kris Stewart Jahre später, „war damit endgültig kein Klub mehr, sondern ein Geschäftsmodell.“ Der inzwischen als Präsident eingesetzte Südafrikaner Charles Koppel sah schließlich in der fußballerisch völlig unbedeutenden Trabantenstadt Milton Keynes „die einzige Option für den Umzug.“
Damit war „Der Tod des Vereins“, wie es Marc Jones, Sprecher des Fanverbandes Wimbledon Independent Supporters Association (WISA) formulierte, perfekt.
„Zunächst eine Schnapsidee“
Und so wurde der Tod des FC Wimbledon im Fox & Grapes mit Bier und Schnaps begossen. Je später der Abend wurde, desto hochprozentiger gestalteten sich die Ideen. Man redete sich in Rage, verlangte wütend die Ächtung der Bösewichte, malte mit biernassen Fingern Konzepte auf den Tresen und gründete schließlich einen neuen Klub.
Als Kris Stewart das Fox & Grapes mit schwerer Schlagseite verließ – auf die Uhrzeit will er sich bis heute nicht festnageln lassen – hatte er sehr zu seiner eigenen Überraschung einen neuen Job. Er war Präsident des AFC Wimbledon, der am 30. Mai 2002 ins Vereinsregister eingetragen wurde. „Die Klubgründung hielt ich zunächst für eine Schnapsidee“, sagte Stewart der ZEIT, „die Idee, mit der Vereinsgründung die Rechte der Fans zu stärken, hat sich sehr langsam entwickelt. So etwas wäre in den Achtzigern in England niemals möglich gewesen.“
Seitdem respektive seit der endgültigen Auflösung des alten FC Wimbledon nach Insolvenz im Jahr 2004, gibt es den AFC Wimbledon und die Milton Keynes Dons.
MK Dons: Fußball und Kafkareske Verhältnisse
Der Autor Colin Irwin fühlte sich in Milton Keynes „in eine kafkaeske Traumlandschaft“ versetzt, als er dem Klub 2006 in der League One einen Besuch abstattete. Hinter dem Stadion hatte man eine Herde Plastikkühe aufgestellt und auch sonst erscheint die Szenerie reichlich bizarr. „Eine völlig gleichgültige Stadt“, schrieb Irwin, „und im Stadion eine Stimmung wie beim Picknick auf der Wiese vor dem großen, neuen IKEA, den Milton Keynes noch gar nicht so lange sein Eigen nennt.“ Alles ziemlich hölzern.
„Die allgemeine Fußball-Lebenserfahrung“, so dozierte Irwin, „lehrt uns, dass das Milton-Keynes-Experiment zum Scheitern verurteilt ist. Fußball ist nicht Feld der Träume, dieser Film mit Kevin Costner, und ,Wenn du es baust`, dann werden die Leute nicht nur nicht kommen, sie werden sich auch sonst einen feuchten Kehricht scheren. Eine Stadt wird nicht einfach so einen fremden Fußballverein in ihr Herz schließen.“ Irgendwie nicht, nein.
Wie ging’s weiter? Die MK Dons starteten 2004 anstelle des „alten“ FC Wimbledon in der Football League One (3. Englische Liga) und schafften es 2015/2016 in die Championship, wo sie sich aber nur eine Saison lang halten konnten.
Seit 2023 dümpeln sie in der Football League Two, wo auch der von Stewart und seinen Mitstreitern aus der Taufe gehobene AFC Wimbledon inzwischen spielt.
Die „Dons“ sind noch längst nicht tot
Der AFC Wimbledon bezog am 3. November 2020 unweit der alten Plough Lane sein neues Stadion, das Cherry Red Records Stadium im Stadtbezirk Merton im Londoner Südwesten.
2018/2019, lange nach dem Ausstieg von Kris Stewart als Vereinspräsident, standen die „Dons“ eine Liga über den MK Dons – in der Football League One. Diese konnten sie bis 2022 halten.
Die Frage, wer der „echte“ FC Wimbledon ist, wurde am 3. November 2024 im 17. Duell dieser beiden so unterschiedlichen Vereine geklärt. Zum 5. Mal triumphierte der AFC Wimbledon über „The New Dons“ – 2:0, Wettbewerb übergreifend der 3. Sieg in Serie für die „Dons“.
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